laut.de-Kritik
Die letzten Meter schaffen wir gemeinsam.
Review von Sven KabelitzHuch, da sind sie ja schon wieder! Erst lassen sich die Rolling Stones fast zwei Jahrzehnte Zeit für ein Album mit neuen Songs, dann schieben sie innerhalb kürzester Zeit direkt das nächste hinterher. Kaum sind sie in ihren Achtzigern, sind sie so produktiv wie zuletzt in den Achtzigern. Fast gerät man in Panik. Wie soll man so viel Output verarbeiten?
Im Grunde machen die Glimmer Twins und Nesthäkchen Ronnie Wood auf "Foreign Tongues" genau das, was die Stones eben machen. Jagger und Richards entdecken weder plötzlich ihre Liebe zu Hyperpop 2.0, noch experimentieren sie mit Rage. Zu einem Stones-Album zu greifen, ist wie seit Jahrzehnten in das griechische Stammlokal "Akropolis" zu gehen und ein Bifteki mit Pommes zu bestellen. Man weiß, was man bekommt, und genau deshalb kommt man immer wieder. Überraschungen finden anderswo statt. Wer die Band mag, fühlt sich vor allem im ersten Drittel bestens aufgehoben. Wer mit den Stones nie warm wurde, dürfte auch diesmal kaum die Meinung ändern. Ende der Kritik.
Dennoch entpuppt sich das fünfundzwanzigste Album als überraschend aktuell. Verantwortlich dafür zeichnen vor allem die politischen Texte und die bissigen Abrechnungen mit Menschen wie Elon - würg - Musk. Hier spielt noch immer die Band, die einst "Gimme Shelter" und "Street Fighting Man" schrieb. Damals ging es Vietnam, um Studentenproteste in Paris, heute richten die Stones einen beklemmenden Blick auf den Untergang der USA, die Täter und die Auswirkungen auf die Welt. Genau diese Haltung hält die Band auch 2026 lebendig.
Leider bringen sie von "Hackney Diamonds" nicht nur vier unveröffentlichte Songs, sondern erneut Andrew Watt mit. Den Mann, der übermotiviert gefühlt alles auf Anschlag produziert. Ruhe kennt er nicht, nur Vollgas. Seine Aufnahmen gehen bis elf. Alles will dich zu Boden schreien. Nuancen können andere haben, hier bleiben sie draußen. Umso erstaunlicher, dass "Foreign Tongues" nicht wegen, sondern trotz ihm funktioniert.
Käme man auf die alberne Idee, das Werk irgendwo zwischen den Stones-Veröffentlichungen der Siebziger einzusortieren, lägen wohl "Some Girls" und "Emotional Rescue" am nächsten. Nicht nur wegen der eingestreuten Disco-Momente, sondern vor allem wegen der offenen Mischung aus klassischem Stones-Rock, Country und Blues, einer seltsamen Idee von Punk, zuzüglich der Lust, den eigenen Sound immer wieder leicht zu verschieben. Aber wer macht denn bitte sowas?
Die Band hinter den drei Rest-Stones funktioniert auf den Punkt. Steve Jordan gibt weiterhin seine bestmögliche Charlie Watts-Imitation. Darryl Jones legt darunter sein warm brummendes Bassfundament, während Neuzugang Steve Winwood sich an der Orgel als Volltreffer erweist. Dazu kommt eine ganze Reihe an Gästen mit großen Namen wie Paul McCartney, Robert Smith, Chad Smith und Bruno Mars, die sich aber entweder freundlich zurückhalten, oder gleich ganz im Mix verschwinden. Die Stones teilen sich vielleicht gerne das Studio, nicht aber das Rampenlicht.
Mit "Rough And Twisted" gelingt der stärkste Albumauftakt seit "Tattoo You", seit 45 Jahren. Statt auf Stadionrock setzt der körnige Opener auf dreckigen Chicago-Blues mit knurrendem Bass, rumpelndem Schlagzeug, Jaggers heulender Mundharmonika und Woods kratziger Slide-Gitarre. Genau in diesem rauen Terrain spielte die Band seit jeher ihre größten Stärken aus, auch wenn sich der Song zwischendurch kurz melodischer gibt. Ein garstiger Blues-Bastard und grandioser Start, der mit dem lahmarschigen "Angry" vom Vorgängeralbum kurzerhand den Boden aufwischt.
Das zutiefst eingängige "In The Stars" schlägt anschließend sofort eine andere Richtung ein. Ein typisches Stones-Riff bildet das Fundament, darunter bleibt der Song angenehm rau, während sich die Band zugleich von ihrer melodischsten Seite zeigt. Alles mündet im einnehmenden Refrain. Der schlangenartige Soul-Funk "Jealous Lover" führt mit Jaggers überspitztem Falsett zurück zu den Siebzigern, zu "Emotional Rescue", zu "Fool To Cry" und "Beast Of Burden".
"Divine Intervention" liefert klassischen Stones-Rock, während im Refrain kaum hörbar Roberts Smiths Gitarre schimmert. Im von Darryl Jones hopsenden Bass voran getriebenem Disco-Funk "Never Wanna Lose You" singt der The Cure-Frontmann angeblich im Hintergrund. Wer ihn findet, darf ihn behalten. Dazu kommt ein kurzer Cowbell-Einsatz von Bruno Mars. "More Cowbell."
"Who would you really trust? / Is it Boeing, is it NASA, is it mad mogul Mr. Musk?", fragt "Mr. Charm" und wechselt dabei zwischen einem eher unglücklich albernen Refrain und einem deutlich stärkeren Post-Chorus. Hinter "Ringing Hollow", laut Jagger und Richards ein "Liebeslied an Amerika", verbirgt sich eine Abrechnung im Honky-Tonk-Gewand. Die Liebe der Stones zum Country trifft hier auf einen ernsten Blick auf das heutige Amerika. Wenn Jagger singt: "And there's always a scoundrel trying to whip up the crowd / ... / And there's always a king trying to pick up the crown / ... / Lady Liberty don't look so good when there's a tear in her gown", wird aus der Ballade eine herzzerreißende Klage über den Zustand des Landes. Noch direkter wird es in "Covered In You", auf dem Paul McCartney den Bass übernimmt: "I wake up sick and tired of all these autocrats", singt Jagger. "You know they seem to be breeding like a swarm of dirty rats / With their missiles on parade and they're wreathed in gold brocade."
Im erstaunlich harten Rocker "Hit Me In The Head" kommt es noch einmal zu einem Wiederhören mit Charlie Watts, doch leider fehlt dem Song eine zündende Melodieidee. Das Amy Winehouse-Cover "You Know I'm No Good" ist nicht ganz so schlimm, wie es sich zunächst liest, am Ende aber vor allem herrlich verzichtbar. Die Mundharmonika und das Wolfsgeheule zu Beginn lassen kurz auf eine räudige Neuinterpretation hoffen, ehe der Song viel zu schnell in gepflegte Harmlosigkeit mündet. Schwer vorstellbar, dass irgendjemand diesen Song jemals besser singen wird als Amy Winehouse. Die Stones sind es jedenfalls nicht.
Den Gesang zu "Back In Your Life" nahm Jagger in der Woche auf, in der Sly Stone und Brian Wilson starben. "I hate that I'm losing a friend / ... / Is this how our story will end?" Kloß im Hals. Mit einem "C'mon, Woody!" übergibt er den Song an Wood und dessen herzzerreißendes, wenn auch leider viel zu kurzes Solo. Die Produktion des üblichen Richards-Songs "Some Of Us" fällt für seine vom Leben angekratzten Stücke etwas zu glatt aus und nimmt ihm ein wenig Charme. Doch wenn der an Arthritis leidende Gitarrist "Some of us are on our knees" singt, klingt das persönlicher, als es der restliche Text und "Foreign Tongues" insgesamt eigentlich hergeben. Wenn Jagger gegen Ende zu ihm stößt, um ihn zu unterstützen, wirkt es, als würde er seinem alten Weggefährten unter die Arme greifen und ihn weitertragen. Plötzlich erscheinen Jahrzehnte zwischen Kumpanei, Feindschaft, Arbeitsverhältnis und Unternehmensvorständen wieder einfach wie das, was sie vielleicht immer waren: Freundschaft. Die letzten Meter schaffen wir gemeinsam. Egal, was noch kommt.
"Foreign Tongues" startet furios, verliert mit der Zeit aber etwas an Schärfe. Je weiter das Album voranschreitet, desto mehr schleicht sich solide Stones-Routine ein. Gerade die Songs, an denen Andrew Watt mitgeschrieben hat, wirken oft austauschbar. Trotzdem bleibt der Longplayer das geschlossenere Werk als "Hackney Diamonds". Zwar fehlt ein Übersong wie "Sweet Sounds Of Heaven", dafür gibt es "Rough And Twisted" und jede Menge Spielfreude. Ein roter Faden zieht sich dennoch zwischen all den Longplayern bis zurück zu "Voodoo Lounge": Vier Songs weniger hätten dem Album spürbar gutgetan.


9 Kommentare mit 12 Antworten
Nebenbei: Ist das das hässlichste Cover der Stones? Ich bin mir nicht mal sicher. Da war schon manch übles dabei.
Das ist das Häßlichste.
Ich finde es ist eine realistische Darstellung, wie die morgens vorm Spiegel stehen
Dieser Kommentar wurde vor einem Monat durch den Autor entfernt.
Bei Musikkritiken fällt mir immer der Spruch ein: "It´s like telling a stranger about Rock´n Roll!" Jeder sollte sich sein eigenes (Klang) Bild machen. Für die einen sind die Stones ein alter Hut, für andere ein immer wiederkehrendes Novum. Auf jeden werden sie auch nach dem absehbaren Ende der Band einzigartig bleiben.
Netter Versuch, hatten wir aber schon zum Abwinken. Lösch Dich wieder.
Ich finde es immer sehr gut, wenn Menschen sich auch in hohem Alter noch für Musik interessieren.
Ich freue mich schon so sehr wenn in 10, 15 Jahren die ganzen Alben neu gemischt und gemastert werden, damit dieser Andrew Watt Mist nicht mehr alles ruiniert. Bei dem Album ist es nicht ganz so schlimm wie bei Hackney oder Dungeon Lane, aber immer noch nicht wirklich genießbar.
Wie kann man das nur schaffen dass nichts wirklich präsent klingt, aber alles laut, nichts kräftig, Riffs im Hintergrund verschwinden, Snares nicht knallen und das obwohl alles überproduziert ist.
Ich bin froh dass immer mehr Fans schimpfen, leider kommt es bei den Bands noch nicht so richtig an. Soviel Zeit haben die nicht mehr für neue Alben, warum nehmen die sich icht jemanden der dem auch gerecht wird?
Ma sagen... Ist wirklich lame gemixt. Hab bis auf Dungeon Lane nicht so viel von Watt gehört. Aber bisher schent der Mann ein grundsätzliches Problem zu haben, zu erkennen, welche Spuren die wichtigsten sind in jedem Part. Dass nichts dagegen spricht, Fader runter zu bewegen für eine Strophe, darf ihm auch jemand mal sagen. Da können die Musiker noch so geil schreiben und performen - nichts hat den Impact, den es haben sollte. Plätschert alles so vor sich hin
Naja, Grössen wie Nicky Hopkins, Mick Taylor und Brian Jones fehlen, aber trotzdem ist es ein kreatives Album geworden. Viel wird da von der Restcrew wohl nicht mehr kommen . . . Der Letzte macht das Licht aus.
Neben SPLAT! von Deep Purple eine neue Überraschung in diesem Jahr. Jagger, immer noch toll bei Stimme, wie eh und je und jeder Song passt zu einer Schaffensphase der Band dazu. Wenn man etwas auszusetzen hat, dann das kein Song wirklich überrascht sondern man immer ein stilistisches Deja Vu erlebt. Aber das ist ist ein Luxusproblem auf das man verzichten kann. Ich finde den Sound und die Produktion ok, aber nciht so schlecht wie es aneinigen Stellen beschrieben wird. Und mit Paul und Stevie hat man dann ja auch noch zusätzliche, excellente Gastmusiker gewonnnen. also ich finds toll......
The Boys of Dungeon Lane von Paul McCartney war auch großartig dieses Jahr.