laut.de-Kritik
Eine Stimme, durchdringend wie der Arlbergtunnel.
Review von Josef GasteigerCordoba78. Fünf Jungs, die eine Band gründen - selbst in der Band-Renaissance der Post-Pandemiejahre ist das ja keine Besonderheit. Auch ein Fußballbezug im Bandnamen hebt die Indierock-Band mit Ursprüngen in Vorarlberg und musikalischem Erwachsenwerden in Wien noch nicht ganz aus der Masse. Aber da ist dann diese Stimme: Carlo Sossella singt, dröhnt, croont, stampft, shäkert und Henning-Mayt sich durch die 14 Songs ihres Debütalbums "Afterhour Kaltenbrunnen", dass es nur so eine Freude ist.
Eine Stimme, durchdringend wie der Arlbergtunnel. Sofort fesselnd, kraftvoll intoniert und genau dann mit Pathos beladen, wenn es der Song verlangt.
Das alles ruht auf dem zweiten Pfeiler von Cordoba78: einem gut abgehangenen, organischen Bandsound voller Spiellust, den Tim Tautorat (u.a. Provinz, Betterov) in Berlin für das Album noch veredelt hat. Darin spuken hörbar einige Geister der elterlichen Plattenschränke. Das Modernste daran ist noch die zeitgemäß knappe Popsonglänge: meist weniger als drei Minuten Glückseligkeit. Versprochen und gehalten.
Zunächst einmal darf es ordentlich wirbeln. "Averna Sour" stampft mit einer 70er-Jahre-Funkgitarre und einer hoppelnden Bassline daher, die versteht, dass es ein Verbrechen wäre, hier kein Prince-Falsett drüberzulegen. "Narzissen" hat auf dem Dachboden eine Hendrix-Gitarre gefunden, während bei "Teufel auf dem Schoß" die Amps gleich ganz auf Anschlag stehen. Steht dann auch noch in "Der Himmel brennt in Europa" der ganze Kontinent in Flammen, bleibt der Band ohnehin kaum etwas anderes übrig, als den Weltuntergang mit maximalem Bühnenformat zu begleiten. Was soll man angesichts der Richtung, in die die Menschheit steuert, denn auch sonst tun?
Selbst dort, wo Cordoba78 musikalisch zum Sturmangriff blasen, bleibt die Sache lyrisch komplizierter. Die Gesellschaft und ihre Eitelkeiten im Umgang miteinander und mit dem Planeten sind ein gefundenes Fressen für die Band. In Gut und Böse zerfällt die Welt dabei aber nur selten so sauber wie im Comicbuch. Schließlich stehen die fünf selbst mitten in den Widersprüchen, die sie besingen.
"Ich bin Hedonist, ich vergess die Pflicht", heißt es im passend betitelten "Alles nicht so einfach". Wenig später folgt in "Der Himmel brennt in Europa" die ernüchterte Gegenrechnung: "Gottverlassene Welt, dieser Hedonismus tötet uns noch alle.“ Erst die Flucht ins Vergnügen, dann der Blick auf die Rechnung. Erst die Party, dann das schlechte Gewissen. Genau aus dieser Bewegung zieht "Afterhour Kaltenbrunnen" seine Spannung.
Denn Cordoba78 können nicht nur laut. Sobald die Gitarren einen Schritt zurücktreten, kommt die weichere, sehnsüchtigere und ungemein schöne Seite der Band zum Vorschein. "Zitroneneis" serviert passend zur Sommerhitze sanft-funkige Basslines und zuckersüße Chöre. "Gefühle", "Angst vor der Zukunft" und "Sommerregen" lösen die Rockfassade weiter auf und lassen Sossella weniger dröhnen als träumen. Oder wünschen.
Aus diesen Songs pocht die Sehnsucht. Nach Liebe. Nach der weiten Welt da draußen. Nach einer Welt, die nicht untergeht. Auch das "Donaulied", das selbstverständlich im Walzertakt daherschunkelt, fügt sich in dieses Bild: Cordoba78 dürfen hier kurz österreichisch taumeln, ohne deshalb zum musikalischen Fremdenverkehrsprospekt zu werden.
Es ist dieses Auf und Ab, das "Afterhour Kaltenbrunnen" zu einem erstaunlich abgeklärten und trotzdem ehrlichen Debüt macht. Euphorie und Überforderung, Sturm und Rückzug, Hedonismus und Weltuntergang gehören bei Cordoba78 zum selben langen Abend. Die Band weiß vor allem eines: Große Gefühle und Teenage-Angst funktionieren sowohl laut als auch leise.
Dass dabei kein Cringe-o-Meter anschlägt, ist 2026 in der deutschsprachigen Musik schon eine Leistung für sich. Mit Zeilen wie "Ich romantisiere stets jede Beobachtung in diesem wunderbaren Leben" räumt auch Carlo ein, dass hier manchmal dicker aufgetragen wird.
Vielleicht rettet die Band gerade dieses Bewusstsein vor dem Kitsch. Sicher ist: Österreich hat eine neue Band für große Bühnen, große Gefühle und die Stunden danach.


2 Kommentare mit 5 Antworten
"Teneriffa" befindet sich schon seit längerem in meiner Playlist. Coole Band, Albung wird beizeiten gecheckt
Die wurden dauernd in meinen Insta-Algo gespült - neben irgendwelchen More-Jüngern und Boomern, die Facebook entkommen sind. Da passen sie auch gut hin. Akademikerkinder ohne etwas zu sagen. 1/5.
Wenn ich sowas lese, frage ich mich immer: Hab ich mich dafür zu schämen, dass meine Eltern als erste in ihrer Familie studiert haben? Habe ich als Akademikerkind automatisch weniger zu sagen als Leute, deren Eltern nach wie vor in der Platte wohnen?
@Phlysher: Definitiv. Wie kannst du dich nicht schämen? Als erster Uni-Absolvent meiner Familie, inkl. Dr. phil., habe ich mich selbstverständlich dazu entschlossen, keine Kinder zu bekommen. Damit diese Schande nicht übertragen wird xD lol
Dann sage ich es eben anders: die Songs erzählen mit ziemlich vielen Worten genau nichts.
Ich finde, angesichts dessen, in welchen Zustand Akademikerkinder und "Kinder aus gutem Hause™" die ökonomische, soziale, politische Situation gebracht haben, kann ein wenig Scham nicht schaden
@Ragi: Oder zumindest Demut statt des oft zelebrierten Überlegenheitsgefühls, true.