laut.de-Kritik
Der Nullpunkt des Metal.
Review von Emil DröllStellen wir uns eine Liste der besten Metal-Alben aller Zeiten vor. Dass Black Sabbath darauf stehen müssen, dürfte Konsens sein. Die eigentliche Streitfrage lautet wohl eher: Wie oft? Die Dio-Fraktion wird auf "Heaven And Hell" pochen, andere auf "Sabbath Bloody Sabbath" oder "Vol 4". Und natürlich stehen auch die beiden Giganten "Paranoid" und "Master Of Reality" außer Konkurrenz. Trotzdem sind es doch jene Meilensteine, die den Anfang oder das Ende markieren, denen der größte Mythos anhaftet. Das Ende kam 2025 mit "Back To The Beginning". Der Anfang liegt am 13. Februar 1970. Mit "Black Sabbath" beginnt nicht nur die Geschichte einer der größten Metalbands überhaupt, sondern die Geschichte des Heavy Metal selbst.
Der Auftakt: Regen und Donnergrollen. Schon in den ersten Sekunden fühlt man sich mitten ins ikonische Albumcover versetzt, englisches Schmuddelwetter, eine alte Wassermühle, davor die geheimnisvolle Frau in Schwarz. Kirchenglocken läuten, Jahre bevor AC/DC, Metallica oder Iron Maiden überhaupt auf die Idee kommen, eine Glocke als Stilmittel einzusetzen. Dann bricht dieses langsame, bösartige Moll-Riff herein. Die Instrumente ziehen sich zurück, die Bühne gehört Ozzy Osbourne: "Figure in black which points at me", "Big black shape with eyes of fire", "Satan's sittin' there, he's smiling".
1970 reichte das locker für Satanismusvorwürfe, heute findet man glücklicherweise andere Dinge, über die man sich empören kann. Ozzy fleht Gott um Hilfe, ehe eines der schwersten Doom-Riffs der Musikgeschichte einsetzt und der Song im letzten Drittel überraschend an Tempo gewinnt. Hier wird weder gedroschen noch gecored oder gepowert. Das ist einfach nur heavy – und das genügt vollkommen. Ein Titelsong, der es verdient, sowohl einer Band als auch einem Album seinen Namen zu geben.
"The Wizard" entfaltet anschließend seine ganz eigene Magie. Ozzy spielt Mundharmonika, Tony Iommi liefert eines seiner eingängigsten Riffs, fertig ist einer der charmantesten Songs der Platte. Der titelgebende Zauberer ist dabei erstaunlich wohlwollend, ein ungewöhnlicher Held für eine frühe Heavy Metal-Platte. Ozzy erzählt nur in Bruchstücken von ihm, das eigentliche Herzstück bleibt ohnehin das Songwriting, das mühelos zwischen Mundharmonika, schwerem Groove und Melodien pendelt. Genau dadurch entsteht jene schwer greifbare Magie, die dem Song seinen Namen verleiht.
"Behind The Wall Of Sleep" verweist zwar auf H. P. Lovecraft, funktioniert aber genauso gut ohne literarischen Kontext. Ozzys klagender Gesang verstärkt die düstere Atmosphäre, während Iommis Soli nie wie aufgesetzte Virtuosität wirken. Black Sabbath betten selbst Gitarrensoli organisch in den Songfluss ein, sodass alles wie aus einem Guss erscheint.
Dann folgt das eigentliche Aushängeschild der Platte und einer der größten Songs der Bandgeschichte überhaupt: "N.I.B.". Zunächst eröffnet Geezer Butler mit einem rund dreißig Sekunden langen Basslauf, der eigentlich überflüssig sein müsste und trotzdem nicht wegzudenken ist. Danach setzt das legendäre Hauptriff ein, längst ein Klassiker der Rockgeschichte. Der Titel steht nicht für irgendeine okkulte Abkürzung, sondern beschreibt lediglich Bill Wards spitz zulaufenden Bart. Wesentlich spannender sind ohnehin die Lyrics: Lucifer selbst gesteht seine Liebe. Ob sie erwidert wird, bleibt offen. Sicher ist dagegen, dass Ozzy mit Zeilen wie "Your love for me has just got to be real / Before you know the way I'm going to feel" eine der stärksten Gesangsleistungen seiner gesamten Karriere abliefert. Iommis Soli treiben den Song immer wieder nach vorne, das gewaltige Riff holt ihn im richtigen Moment zurück auf den Boden. Das Meisterwerk dieser Platte.
Mit "Evil Woman" wagen sich Sabbath an einen Song von Crow. Schon das Original hat Ohrwurmqualitäten, und Black Sabbath verleihen ihm mehr Gewicht und mehr Charakter. Er gehört zu den rockigsten und gleichzeitig eingängigsten Songs des Albums. Butlers Bass hält das gesamte Stück zusammen, die Hook setzt sich sofort fest, und mit gerade einmal dreieinhalb Minuten bleibt der Song angenehm kompakt.
Das atmosphärische Siegertreppchen gehört jedoch "Sleeping Village". Akustikgitarre, Bass und eine Maultrommel kündigen Unheil an, darüber schwebt Ozzys hallende Stimme. Er singt lediglich vier Verse, mehr braucht es nicht, um diesem scheinbar friedlichen Dorf eine bedrohliche Aura zu verleihen. Fast wirkt der Song wie ein Instrumentalstück. Vor allem die zweite Hälfte lebt vom zweistimmigen Gitarrenspiel, das ungewöhnlich chaotisch für dieses Album klingt.
Auch "Warning" ist ein Cover, diesmal von Aynsley Dunbar Retaliation. Ein direkter Vergleich bringt wenig, weil beide Bands völlig unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Black Sabbath gelingt die Aneignung jedoch mühelos. Über zehn Minuten entwickelt sich ein Bluesrock-Jam über Herzschmerz, der sich anfühlt, als wäre er direkt im Proberaum entstanden. Gerade diese Spontanität macht seinen Reiz aus. Dynamik, Tempo und Lautstärke wechseln ständig, ehe Iommi minutenlang beinahe allein mit reichlich Hall den Song trägt, eine hörbare Verbeugung vor den Blues-Wurzeln des Tracks.
"Wicked World" eröffnet schließlich mit einem der stärksten Intros des Albums. Die Instrumente liefern sich ein ständiges Call-and-Response, bevor Ozzy mit seiner Abrechnung auf die Menschheit einsetzt. Krieg, Macht, Armut, Hunger – die Welt erscheint hoffnungslos verdorben. Ganz so verloren kann sie allerdings nicht sein. Schließlich hat sie auch vier Musiker hervorgebracht, die ein Album wie dieses aufnehmen konnten.
Mit "Black Sabbath" definieren Black Sabbath ein neues Genre. Ob man die Platte heute als Hard Rock, Proto Metal oder bereits als vollwertigen Heavy Metal bezeichnet, ist letztlich nebensächlich. Entscheidend ist ihr Einfluss. Wo zuvor Bluesrock dominierte, regieren plötzlich Dunkelheit, schwere Riffs, okkulte Atmosphäre und Ozzys unverwechselbar klagender Gesang. Kaum ein Gitarrenalbum hat die Musikgeschichte nachhaltiger verändert als dieses.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


5 Kommentare mit 2 Antworten
Das war noch gar kein Meilenstein?
Leute, Leute, sowas von überfällig.
Stimme bei wenig hühnerein, was du so verzapfschd, aber jetzed 100%
Natürlich ein absolutes Meisterwerk: „Black Sabbath“ von Black Sabbath gehört zu den Grundpfeilern des Heavy Metal. Für Schallplattensammler ist besonders die Rhino High Fidelity Edition empfehlenswert – sie überzeugt durch eine hochwertige, audiophile Pressung, detailreiche Dynamik und einen warmen, druckvollen Klang, der dem Originalalbum gerecht wird. 5/5
Oh, ein Audiophiler. Gleich habe ich 35% weniger Bock auf das Album.
Meisterwerk!
Überfälliger Meilenstein! Ich weiß bis heute nicht, wie sie es geschafft haben, dass das Album so sehr nach einer Jamsession einer Bluesrock-Band klingt und gleichzeitig so eine dichte Atmosphäre ausstrahlt.
Dazu geht mir Ozzys Gesang hier wesentlich besser rein, als auf den späteren Alben.
Wo heut zu Tage im Rückblick immer überall Metal gesehen wird. Für mich ist das ganz normaler Progressive-Rock. Was ihr da immer alles seht...