laut.de-Kritik

Jeder Gedanke ist so formuliert, dass er auf eine Tasse passt.

Review von

Jupiter Jones haben den Elektropop ihres Comeback-Albums für "Ich Trag Den Sarg, Du Trägst Was Buntes" wieder ein Stück weit eingepackt und dafür Gitarren, Schlagzeug und den alten Bandsound aus dem Keller geholt. Nur leider haben sie nichts ersetzt, sondern alles übereinandergestapelt. Die Synthesizer bleiben, die Gitarren schrammeln wieder, der Refrain muss trotzdem ins Radio. Nicholas Müller und Sascha Eigner haben scheinbar ihre gesamte Karriere in eine Playlist geworfen und anschließend den Algorithmus entscheiden lassen, was davon heute noch funktionieren könnte. Ein bisschen früher Indie-Rock, ein bisschen "Auf still", ein bisschen zeitgemäße Elektronik und sehr viel deutscher Befindlichkeitspop. Alles ist dick produziert, breit ausgewalzt und auf Wirkung gebürstet.

Schon Müllers Gesang macht jede Hoffnung auf emotionale Beteiligung zunichte. Er klingt inzwischen wie die Karikatur eines um vier Uhr morgens aufgeweckten Marcus Wiebusch: codiertes Fischbrötchengenuschel, nur ohne die Fähigkeit des Kettcarchefs, hinter der spröden Artikulation tatsächlich Dringlichkeit erkennen zu lassen. Müller betont jedes Wort, als trage es eine schwere Last, und kündigt Gefühle in Großbuchstaben an. Wo andere Sänger etwas empfinden, führt Müller seine Empfindsamkeit vor.

Dazu schreiben Müller und Eigner ihre Songs mit einer formalen Biederkeit, die selbst dem öffentlich-rechtlichen Vorabendprogramm zu vorhersehbar wäre. Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, kurz alles anschwellen lassen, noch einmal Refrain. Kein Bruch, kein Risiko, kein Moment, der sich der vorgesehenen Funktion widersetzt. Selbst wenn irgendwo ein elektronisches Geräusch flackert oder eine Gitarre kurz gröber sägt, weiß man bereits, an welcher Stelle gleich wieder die große mitsingbare Hook einmarschiert.

Inhaltlich gleicht das Album einer Checkliste gesellschaftlich relevanter Themen von Moderationskärtchen. Körperbilder? Haken. AfD? Haken. Vaterschaft? Haken. Patriarchat? Haken. Psychische Gesundheit? Haken. Dazwischen Liebe, Trennung, Überforderung und Prokrastination. Die beiden wissen genau, worüber man derzeit sprechen kann, ohne mit Widerspruch rechnen zu müssen. Sie wissen nur erschreckend selten, was sie dazu sagen möchten.

"Champagnerempfang Satt" wird in der begleitenden Kommunikation als Song über Körperdysmorphie verkauft. Ein großes, komplexes und für Betroffene belastendes Thema also. Der Song selbst kommt kaum darüber hinaus, festzustellen, dass Menschen sich manchmal hässlich finden, obwohl sie es gar nicht sind. Die Erkenntnistiefe eines Motivationsspruchs auf einem Badezimmerspiegel, aufgeblasen zum gesellschaftlich bedeutsamen Statement. So wird aus bloßer künstlerischer Unfähigkeit etwas Unsympathisches. Das Duo wirbt um das emotionale Zertifikat: Seht her, unser Popsong handelt von etwas Wichtigem.

"Keine Neuen Gründe" kümmert sich anschließend um Rechtsruck und AfD, bleibt dabei aber ähnlich folgenlos. Selbstverständlich ist alles schlimm, selbstverständlich waren die Argumente schon früher falsch, aber die richtige Seite ist halt auch die, auf der die Arschbacke schön warm liegt. Das Problem ist nicht die Haltung, sondern dass Müller und Eigner Haltung bereits für Kunst halten. Man kann politisch richtig liegen und trotzdem einen langweiligen Song darüber schreiben. Die beiden klingen wie Informationsmaterial der Bundeszentrale für politische Bildung mit Gitarrenbegleitung.

Dermaßen provoziert, werden wir mal so richtig oberflächlich, denn das ist schließlich die Ebene, auf die Jupiter Jones uns zerren: Das Video zu "Älter Als Die Steine" ergänzt diese Strategie um eine Arschlochgarderobe, die aussieht, als hätte jemand "sympathische Indie-Väter mit Haltung" in einen Bildgenerator eingegeben. Das Kostüm sitzt, die bedeutungsvollen Blicke sitzen, der Wille zur Nahbarkeit sitzt. Der Song selbst möchte über Kinder, Vergänglichkeit und Verantwortung nachdenken und verwandelt auch diese eigentlich ergiebigen Motive in glatt geschliffenen Schlager. Jeder Gedanke ist so formuliert, dass er auf eine Tasse passen könnte. "Guten Morgen Welt" hat Bosse vor zwanzig Jahren schon besser geschrieben. "Wo Diese Liebe Hinfällt (Krater)" klingt wie eine verschollene Clueso-Demo von 2005, die aus gutem Grund auf einer Festplatte liegen blieb. Warum brauche ich die Haltung aus dem Setzkasten des Comeback-Duos, wenn es so viel bessere Musik gibt?

Dass Müller sich als Schirmherr der Deutschen Angstselbsthilfe engagiert, ist zweifellos löblich. Es macht Erbauungspoprock wie "Torpedo Mobile" oder "Ein Platz In Der Sonne" aber nicht automatisch hilfreich oder gelungen. Gerade bei solchen Themen wäre eine Sprache interessant, die Ambivalenzen zulässt, aber der Sänger bleibt beharrlich in seiner Opferperspektive hängen: Man wird nicht gehört, man darf nichts sagen, die Welt ist überfordernd, aber irgendwie halten wir zusammen.

Mit "Euren Töchtern Geht Es Gut" werden gemeinsam mit den musikalisch indiskutabel von ihrer Sprechaufgabe überforderten Finna und Liser auch noch Patriarchat und weibliche Selbstbehauptung ins Themenportfolio aufgenommen. Das Ergebnis ist die furchtbarste Kombination aus Poprock und Rap seit Aerosmiths Zeiten. Awareness-Workshop mit Backingband. "Ich Trag Den Sarg, Du Trägst Was Buntes" gerät so bieder wie eine Wahlkampagne. Müller und Eigner versuchen fortwährend, vorhandene Stimmungen mitzunehmen, ohne je angreifbar zu werden. Sind sie gerade unsicher, heißt es "Ich Weiß Es Doch Auch Nicht". Sind sie sich sicher, wissen sie es dafür besonders doll. Dazwischen bleibt keine Reibung, kein Erkenntnisprozess und keine Fallhöhe.

Gerade dieses vermaledeite "Ich Weiß Es Doch Auch Nicht" ist ein Antisong von monumentaler Eintönigkeit: eine Komposition, bei der selbst eine künstliche Intelligenz vermutlich nach einem interessanteren zweiten Akkord fragen würde. Nicht einmal Prokrastination bekommen die beiden in "Hundemensch" auf eine Weise vertont, die über das bloße Wiedererkennen des Phänomens hinausgeht. Erst "Paul McCartney Stirbt" bietet einen Titel, bei dem sich das Hirn nicht unterbewusst nach einer Butanflasche umguckt, um diesen Müll nicht weiter bei vollem Bewusstsein ertragen zu müssen. Hier findet sich wenigstens einmal ein Bild, das haften bleibt, ein Satz, den man nach Ende des Liedes noch gebrauchen könnte. Doch auch diese kurze Regung wird unter jener Pseudo-Hamburger-Schule-Wall-of-Sound begraben, die in den Neunzigern unzählige Bands präziser, schmutziger und zwingender hinbekamen.

Trackliste

  1. 1. Champagnerempfang Satt
  2. 2. Neunkircher Wald
  3. 3. Keine Neuen Gründe
  4. 4. Älter Als Die Steine
  5. 5. Guten Morgen Welt
  6. 6. Wo Diese Liebe Hinfällt (Krater)
  7. 7. Torpedo Mobile
  8. 8. Euren Töchtern Geht Es Gut
  9. 9. Ich Weiß Es Doch Auch Nicht
  10. 10. Hundemensch
  11. 11. Paul McCartney Stirbt
  12. 12. Ein Platz In Der Sonne
  13. 13. Immer Noch (Auf Das Leben!)

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9 Kommentare mit 18 Antworten

  • Vor 6 Tagen

    Habe null Sympathie für die, aber 1/5 ist imo für die ganz harten Fälle reserviert und da sehe ich JJ nicht.

  • Vor 6 Tagen

    Käme das Album von Tocotronic, wäre es eine 4/5.

    • Vor 6 Tagen

      Nee, tut mir Leid. Ich verstehe vollkommen dass Leute Tocotronic nicht mögen, aber der Vergleich mit JJ ist unhaltbar. Da liegen Lichtjahre zwischen textlicher Qualität. Gleichwohl bringen beide Bands nice Instrumentals zustande; der Unterschied bei JJ ist aber dass said Instrumental schnellstmöglichst zum biederen "und jetzt alle Hände klatschen" Part hinstreben muss. Kettcar in noch biederer. Nein Jung. Da stand und steht Toco majestätisch drüber.

    • Vor 6 Tagen

      "Majestätisch" ist aber auch eine unfreiwillig entlarvende Antwort, no? Die Herren Von Lotzow und Hamburger Stadtadel-Kinder Zank und Müller... was hier (auch) zugrunde liegt, ist tatsächlich eine Form von Klassismus. Eine Verachtung der Kids aus dem Mittelstand, die nichts richtig machen können, weil sie wahlweise zu spießig/angepasst (aus Sicht der Unterschicht) oder ästhetisch / kulturcheckermäßg ungenügend (aus elitärer Sicht) sind.

      JJ werden als peinlich empfunden, weil sie immer zu dick auftragen (Songtexte und Albentitel wie Maus-Karten aus dem sweeten Geschenkeartikel-Laden, inhaberinnengeführt) und zu nah an berechnendem Radio-Schlonzpop sind. Ok. Aber die Verachtung der ungelenken Normies spielt schon immer mit; siehe der Hass, der in der Reszension über bemühte Feel-Good-Daddies ausgekübelt wird.

    • Vor 6 Tagen

      "Eine Verachtung der Kids aus dem Mittelstand [...] die Verachtung der ungelenken Normies"

      Keine Ahnung wie du darauf kommst, aber gut. "Majestätisch" war ne Metapher, ich hätte von mir aus auch "erhaben" schreiben können, bezogen auf ihren Status im deutschsprachigen Indie, den sie m.E. zurecht innehaben.

    • Vor 5 Tagen

      @Schwingi
      Bin bei dir. Denke, mit dem erwähnten Zitat könnte fleur „Let there be rock“ meinen. Darüber wurde ja schon ausführlich diskutiert. Oder „Lied der Jugend.“

      Zitat fleur:
      „Eine Verachtung der Kids aus dem Mittelstand, die nichts richtig machen können, weil sie wahlweise zu spießig/angepasst (aus Sicht der Unterschicht) oder ästhetisch / kulturcheckermäßg ungenügend (aus elitärer Sicht) sind.“

      … würde ich nicht so interpretieren.
      Es geht doch eher um eine Beobachtung als um eine Verurteilung dessen.

      Beispiel „Kapitulation“ …
      hier wird eine Verweigerungshaltung gegenüber einer Klassengesellschaft propagiert bzw. den inneren Zwang sich ständig selbst zu optimieren und im Sinne der Gesellschaft zu funktionieren.
      Finde zumindest ich äußerst erstrebenswert.

      Neben einer Schwemme an Bands wie frei.wild, Kärbholz, Krawallbrüder, Schusterjungs haben Bands wie Tocotronic mehr als nur eine Existenzberechtigung und ich freue mich, dass sie noch da sind.

    • Vor 5 Tagen

      Ich freue mich ja auch ;)
      Meine Kritik zielte hauptsächlich auf die Rezension, die arg selektiv und vorurteilsbehaftet erscheint und eben einen nicht nur dezent verachtenden Unterton aufweist.

      "Das Video zu 'Älter Als Die Steine' ergänzt diese Strategie um eine Arschlochgarderobe, die aussieht, als hätte jemand 'sympathische Indie-Väter mit Haltung' in einen Bildgenerator eingegeben."
      - So sehen die halt aus.

      "Jeder Gedanke ist so formuliert, dass er auf eine Tasse passen könnte."
      - Die Toco-Slogans waren interessanter und subkulturell codierter, aber bekanntlich auch gutes T-Shirt Material.
      https://tocotronic-shop.de/products/tocotr…

      Die Tendenz ist - m.Meinung nach: JJ-Müller beschert mit seiner "Reibeisenstimme" "Gänsehautmomente" für ihr Publikum und erfüllt damit genauso die Erwartungen wie J.Müllers Band, die sich am verletztlichen Manntum der Band ergötzen. Am Ende geht es doch bei beiden um Identifikationsmomente, nur eben sind die einen hochkulturell abgefedert ("Jugend ohne Gott gegen Faschismus", oh, von Lowtzow zitiert von Horvarth) und die einen näher an Kita-Grillplatz-Eltern. Das zu trennen sollte auch ohne Abwertung eines ganzen Milieus gehen.

    • Vor 4 Tagen

      @fleur
      Ah, verstehe und kann jetzt nachvollziehen, was du meintest.

      Zu …
      „Das Video zu 'Älter Als Die Steine' ergänzt diese Strategie um eine Arschlochgarderobe, die aussieht, als hätte jemand 'sympathische Indie-Väter mit Haltung' in einen Bildgenerator eingegeben."
      - So sehen die halt aus.“

      Ja, stimmt schon, die sehen tatsächlich so aus. Obwohl mich das gar nicht stört, solange ich nicht Smalltalk mit ihnen halten muss.
      Denke, es ist eh schwierig, sich im
      Alter so zu kleiden, dass man weder von der Modepolizei verspottet noch als Spießbürger verurteilt wird. Also am besten, beide Parteien mit ihrer eigenen Kleinkariertheit konfrontieren.
      Oder dass man ab 30 kein Bandshirt mehr tragen darf. Mir völlig egal.

      Der größte Unterschied zwischen Toco und JJ ist sicherlich der, dass Tocotronic nicht davor zurückschrecken, ihre eigenen Fans zu verärgern. Kann mir das bei Jupiter Jones überhaupt nicht vorstellen.
      Ein Kumpel von mir war jedenfalls komplett stinkig, nachdem er im Video „Denn sie wissen, was sie tun“ Monstertracks im Hintergrund fahren sah. Kurz vorher war er mit seiner Tochter auf einem Monstertrack-Event.

    • Vor 4 Tagen

      "Oder dass man ab 30 kein Bandshirt mehr tragen darf. "

      Verdammt...

    • Vor 3 Tagen

      Was ist ein Monstertrack?

    • Vor 3 Tagen

      Monstertrack, der:
      1. die abnorme Veränderung von Track, Bruder von Tick und Trick;
      2. Rack des berühmten Racksportlers Matthäus Monstert;
      3. die deutsche Aussprache der Ungetüme die sich in Arenen gegenseitig zu Schrott fahren.

    • Vor 3 Tagen

      4. Track, bei dem ein Monster gellend aus dem Schrank davon läuft; Begriff aus der Gefahrenabwehr, oft im Zusammenhang stehend mit Musik von Queen und/oder Genesis.

    • Vor 3 Tagen

      Ich schau einfach mal genanntes Video, tendiere aber zu 4., falls das auch im Zusammenhang mit Musik von Simply Red oder Bon Jovi stehen kann?

    • Vor 3 Tagen

      Denifitiv.

    • Vor 3 Tagen

      Danke für eure kreative Mitarbeit.
      Bin auch eindeutig bei 4.
      Der ultimative Monsterschock wäre bei mir Musik von Puhr und Rahmstein.
      Hab aber gerade kein Monster zur Hand, das ich fragen könnte.

  • Vor einem Tag

    Mochte die Konzerte der kleineren wiedervereinten Band sehr. Habe sie drei mal live gesehen und es waren die schönsten Konzerte. Aber das neue Album holt mich leider gar nicht ab.