laut.de-Kritik

Mehr Party geht kaum, mehr Album schon.

Review von

Kaum eine Band wird so gerne geächtet, sobald sie als Headliner auf Wacken auftritt. Kaum eine Trancecore-Band wird so gerne belächelt, sobald sie Elektrosounds mit Metal verbindet. Und kaum eine Band eignet sich besser dafür, die Frage zu stellen, wo musikalische Kritik aufhört und persönlicher Geschmack anfängt.

Man kann sie peinlich finden. Man kann ihnen vorwerfen, Metalcore, Eurodance, Techno, Schlager und Pop in einen Mixer zu werfen, bis von jedem Genre nur noch dessen plakativste Oberfläche übrig bleibt. Alles legitim. Wer Electric Callboy allerdings noch immer grundsätzlich dafür abstraft, dass sie genau das tun, was sie seit Jahren tun, kritisiert irgendwann weniger die Band als die eigene Erwartungshaltung.

Genau deshalb lohnt es sich, bei "Tanzneid" zwischen der Band und dem Album zu unterscheiden. Denn Kritik an der grundsätzlichen Idee hinter Electric Callboy greift zu kurz, Kritik an der konkreten Umsetzung dieses Albums gibt es dagegen reichlich. Warum zum Teufel braucht es ein Album, wenn ein beträchtlicher Teil der Tracks längst als Single veröffentlicht wurde, allen voran das Aushängeschild "Ratatata"? Warum müssen am Ende vier Electric Bassboy-Tracks im Stil von Schlager-Hitmixes folgen? Klar: um das neuere Nebenprojekt zu bewerben. Aber wenn das Nebenprojekt vier Slots im Hauptprojekt bekommt, warum gibt es dann überhaupt zwei Projekte?

Das sind Fragen, die "Tanzneid" tatsächlich aufwirft. Und sie führen zu einem durchaus ernüchternden Ergebnis: Als Album ist die Platte wesentlich weniger überzeugend als die einzelnen Songs. Das grundlegende Missverständnis beginnt bei der Erwartungshaltung gegenüber Electric Callboy-Alben. Electric Callboy sind keine Band, die mit "Tanzneid" plötzlich Post-Metal für Feuilletonisten entdeckt. Sie wollen keine siebenminütigen Klanglandschaften bauen und auch nicht beweisen, dass sie inzwischen gereift und ernst geworden sind.

Ihre Kunst liegt woanders: in der maximalen Übertreibung. Eine Hook zu schreiben, die nach zehn Sekunden sitzt, ist nicht automatisch anspruchsvoller als eine neunminütige Progressive-Metal-Komposition. Aber eben auch nicht automatisch anspruchsloser. Popmusik basiert seit Jahrzehnten auf genau dieser Kunst, möglichst schnell möglichst viel Wirkung zu erzeugen. Electric Callboy haben dieses Prinzip lediglich in eine Welt verpflanzt, in der es lange Zeit als musikalischer Frevel galt.

Dazu kommt die eigentliche Zwickmühle ihres Sounds: Electric Callboy bewegen sich in einem Nischengenre, das sie selbst längst massentauglich gemacht haben, ohne daraus vollständig ausbrechen zu können. Sie können Elektropop und Metalcore miteinander verbinden, bis die Festivals ausrasten, zur nächsten Generation eines großen Party-Pop-Phänomens à la H.P. Baxxter reicht es trotzdem nicht. Dafür bleibt die Musik zu sehr an Breakdowns und der Metalästhetik hängen. Und genau das ist gleichzeitig ihr Alleinstellungsmerkmal und ihre Grenze.

Der Sprung von Electric Callboy zu Scooter ist deshalb kleiner, als Metal-Puristen vermutlich gerne hätten, aber größer, als Electric Callboy selbst ihn mit ihrem aktuellen Konzept machen können. H.P. Baxxter braucht keine Gitarren, um 20.000 Menschen zum kollektiven Ausrasten zu bringen. Electric Callboy brauchen dafür weiterhin den Breakdown. Vielleicht ist das sogar gut so. Denn würden sie diese letzte Grenze ebenfalls einreißen, wäre von der ursprünglichen Idee der Band irgendwann tatsächlich nur noch Party-Pop übrig. Nur zeigt "Tanzneid", dass sie momentan genau zwischen diesen Welten feststecken: zu poppig für einen Teil des Metal-Publikums, zu metallisch für den ganz großen Mainstream.

Ernstzunehmende Spitzenalben werden Electric Callboy mit dieser Methode vermutlich kaum produzieren. Nicht, weil Party keine Kunst sein kann. Sondern weil ein Konzept, das primär auf unmittelbare Wirkung, Festivalatmosphäre und Selbstironie ausgelegt ist, zwangsläufig andere Schwächen mit sich bringt. Electric Callboy schreiben Songs, die funktionieren sollen, wenn zehntausende Menschen gleichzeitig springen, tanzen und grölen. Das ist eine andere Disziplin als ein Album, das als zusammenhängendes Werk über 40 oder 50 Minuten trägt.

Die einzelnen Puzzleteile auf dem Album sind mitunter ziemlich gut. Nur ergibt ihre Summe kein überzeugendes Puzzle. Bereits der Titeltrack und Opener legt das Erfolgsrezept offen: Europop trifft auf Shouts. Eingängig ist das allemal. Auf Kopfhörern vielleicht nicht das Nonplusultra, live hingegen ziemlich genau die richtige Abwechslung zu anderen Headlinern.

Und weil ein 2025er Song offenbar noch nicht alt genug ist, um ihn auf ein Album zu packen, folgt direkt das 2024er Material. "Ratatata" dürfte bei den Verweigerern die letzten Haare endgültig aufstellen: Nicht nur gibt es hier wieder maximalen Electro-Kitsch, nein, auch Babymetal sind mit an Bord. Trotzdem muss man der Nummer eines lassen: Sie funktioniert. Und zwar verdammt gut. Der Track ging durch die Decke und ist in seiner Eingängigkeit innerhalb des Electric Callboy-Katalogs beinahe unüberbietbar.

Den neuen Scheiß gibt's dann mit "Hypercharged". Wobei "neu" auch hier relativ ist: Die 2026 veröffentlichte Single kennt man natürlich bereits. Der Brawl Stars-Track bedient eine ähnliche Sparte wie "Tanzneid", nur mit spielkompatibleren Lyrics und entsprechendem Zocker-Anstrich. Dass The Offspring für ein bisschen Unsinn zu haben waren, ist auch wenig überraschend. "Let The Good Times Roll" überrumpelt allerdings mit ungewöhnlich wenig Hooktauglichkeit. Ausgerechnet die Nummer, bei der man zwei der größten Festival-Party-Maschinen zusammengebracht hat, bleibt vergleichsweise blass.

Ebendiese Hooktauglichkeit bringt dann wieder "Elevator Operator" mit. Noch eine Single, noch ein bereits bekanntes Puzzleteil. Und dann, tatsächlich mal ein neuer Song. "Heartclub" wirkt im direkten Vergleich beinahe seriös. Die Heavyparts sind nicht überzogen, die Pop-Passagen nicht permanent auf maximalen Gute-Laune-Faktor getrimmt. Plötzlich merkt man, dass Electric Callboy auch ein paar Prozent weniger Party können. Und das tut erstaunlich gut.

Jede Ernsthaftigkeit geht mit der 2026er Single und Boyband-Hommage "The Way You Are" wieder flöten. Ballade und Deathcore prallen hier zu demonstrativ aufeinander. Weiter geht's mit dem 2025er "Still Waiting". Frank Zummo hat man vorsichtshalber noch einmal in Capslock in die Credits geschrieben, damit auch wirklich jeder versteht, dass der Sum 41-Drummer mit im Boot sitzt. Der Song selbst? Funktioniert. Mehr aber auch nicht.

"The Savior" ist ebenfalls neu und bleibt leider etwas uneigenständig. Und wie sollte es anders enden, wenn nicht mit einer weiteren Vorabsingle? "Revery" ist noch einmal ein Paradebeispiel für Eingängigkeit und Pop-Appeal. Ein Song, der seinen Zweck erfüllt, bevor man überhaupt darüber nachdenken kann, ob man ihn gut findet.

Dann ist Schluss. Zumindest fast. Wer danach noch nicht genug hat, bekommt die Electric Bassboy-Fiebertraum-Werbung gleich im Viererpack. "We Got The Moves", "Tanzneid", "Hypercharged" und "Revery" werden noch einmal durch den Remixwolf gedreht. Für die Dramaturgie des Albums sind die vier Tracks eher Ballast als Bereicherung.

Musikalisch bewegen sich Electric Callboy im sicheren Fahrwasser ihres Vorgängeralbums. Das wusste man allerdings schon vor dem Release, denn fast die ganze Platte war längst bekannt. Ein hörenswertes Album entsteht nicht automatisch daraus, dass man genügend funktionierende Singles nebeneinanderlegt. "Tanzneid" wirkt deshalb weniger wie ein durchkomponiertes Album als wie die nachträgliche Zusammenstellung einer Playlist, die ohnehin schon seit zwei Jahren veröffentlicht wird. Die Songs stehen nebeneinander, anstatt miteinander zu funktionieren. Und wenn dann auch noch vier Tracks eines Nebenprojekts hinten drangeklebt werden, verstärkt sich dieser Eindruck nur.

Trackliste

  1. 1. Tanzneid
  2. 2. Ratatata
  3. 3. Hypercharged
  4. 4. Let The Good Times Roll
  5. 5. Elevator Operator
  6. 6. Heartclub
  7. 7. The Way You Are
  8. 8. Still Waiting
  9. 9. The Savior
  10. 10. Revery
  11. 11. We Got The Moves (Sullivan King Remix)
  12. 12. Tanzneid (Paolo Ferrara Remix)
  13. 13. Hypercharged (Paul Elstak Remix)
  14. 14. Revery (Sullivan King Remix)

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7 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 3 Tagen

    Gestern mal das ganze Album gegeben. Der einzige Song mit dem ich tlws. etwas anfangen kann, ist We got the moves (King remix), weil die Dub-Step, Techno Parts hier konsequent eingewoben wurden, ohne das Ganze Radio tauglich abzumildern.
    Der ganze Rest orientiert sich daran, möglichst jedem TikTok Hinz-und-Kunz, der auch nur im entferntesten irgendwas mit Pop und Rock anfangen kann, zu gefallen. Eigentlich gehört die Band auf den ESC und sollte dort auch bleiben. Ein Hype für die Masse, ohne jeden tiefergehenden Nährboden. Jede Spannung verfliegt sofort, sobald man die Videos außen vor lässt und sich wirklich mal mit dem Album beschäftigt und nicht nur mit einzelnen Songs.

  • Vor 6 Stunden

    Waaaaaas? Die Band ist ein einziges vertontes Gimmick für den TikTok-Alogrithmus ohne jeden künstlerischen Anspruch? Na das ist ja mal eine Überraschung.

  • Vor 5 Stunden

    Singen die eigentlich immer noch so misogynen Dreck wie zu ihren Anfangszeiten?