laut.de-Kritik
Auf den Spuren von Lou Reed.
Review von Florian DükerJulian Casablancas, Frontmann der Strokes, nutzt gerne Autotune. Fans der Strokes tolerieren das, solange er es nicht übertreibt oder den Einsatz am besten ganz auf die Aufnahmen für sein Nebenprojekt The Voidz beschränkt. Dass die ersten Vorboten des neuen Albums, auf das die Fans nun stolze sechs Jahre gewartet hatten, Autotune beinhalteten, kam dementsprechend alles andere als gut an. Julian kann doch singen, wozu braucht er Autotune?!
Wer sich mit der in vielen Genres inzwischen salonfähigen Stimmenverzerrung abfinden oder gar anfreunden kann, findet in der zweiten Single, "Falling Out Of Love", ein Stück, das mit dem besten Material der Band mithalten kann - und das wiederum ist mit das Beste, was moderner Indie-Rock überhaupt zu bieten hat. Die Liste der Hits ist lang, mit ihren vorherigen sechs Alben hat die Band um den inzwischen 47 Jahre alten Julian Casablancas immer wieder neue begeisterte Zuhörer gefunden.
Nach 14 Jahren Ehe mit zwei gemeinsamen Kindern gingen Julian und Ex-Frau Juliet 2019 getrennte Wege. 2021 war dann eine erste Version von "Falling Out Of Love" bei einem Auftritt zu hören, wobei die Darbietung damals noch wie eine Jam-Session zum Chorus des Klassikers "Someday", einem der beliebtesten und bekanntesten Stücke der Band, wirkte.
Wenn "Falling Out Of Love" und "Someday" verwandt sind, dann ist "Falling Out Of Love" der melancholische Bruder, der sich mit seiner Situation abgefunden hat, mit dem man aber doch Mitleid haben muss: "Holding on for now, in denial for a while / Falling out of love for the first time / Some things are flawed by design / But I’m fine for the first time", singt Julian und hört sich dabei teilweise wie ein langsam den Geist aufgebender Roboter an, gleichzeitig herzzerreißend, begleitet vom wunderschönen Bass seines Bandkollegen Nikolai Fraiture, dem man hier auch gerne die komplette Aufmerksamkeit schenken darf.
Was nun einige Fans aber noch wütender gemacht hat als die exzessive Autotune-Verwendung, ist folgende Zeile, die auf Track drei, "Lonely In The Future" zu hören ist: "I heard that twenty fucking years ago / I did, Fantano, word for word, when I was a kid / Stick to the technical, cause that's great / But you would not recognize art in any age". Fantano, Anthony Fantano, ist der wohl derzeit berühmteste Musikkritiker der Welt mit einem YouTube-Kanal, den über zwei Millionen Menschen abonniert haben. Fantano hatte das letzte The Voidz-Album anscheinend stark kritisiert, Julian wiederum hatte ihm in einem Interview öffentlichen jeglichen Kunstgeschmack abgesprochen.
In der Reaktion auf das Album ist da nun zum einen die Fraktion der Fantano-Fans, die ihn als Menschen und Kritiker sehr schätzen und einen solchen Seitenhieb persönlich nehmen. Zum anderen sind da die Fantano-Hater, denen es überhaupt nicht passt, dass dieser Typ nun auf einem The Strokes-Album verewigt wurde - was das ohnehin schon aufgeblähte Ego des YouTubers noch weiter aufblähen dürfte. Doch auch wer dem "internet's busiest music nerd" neutral gegenübersteht, dürfte wenig Gefallen an dieser Line finden, klingt sie doch alles andere als subtil oder clever.
Was man dem Schöpfer dieser Zeilen allerdings lassen muss: Er tritt damit weiter in die Fußstapfen seines Idols, Lou Reed. Julian und Lou haben nicht nur die New Yorker Coolness und ihren Musikstil gemein, sondern damit nun auch beide öffentlich ausgetragene Fehden mit bekannten Musikkritikern geführt. Der Velvet Underground-Frontmann, den Julian einst als den Grund für alles, was er tue, bezeichnet hatte, echauffierte sich damals wie folgt über den Journalisten Robert Christgau, der eines seiner Soloalben als "horseshit" diffamiert hatte: "What does Robert Christgau do in bed? I mean, is he a toefucker? (...) Can you imagine working for a year and you get a B+ from some asshole in The Village Voice?".
Dagegen ist der beleidigte Fantano-Diss ja geradezu harmlos. Ein wenig Hybris sei Julian aber vergönnt. Wenn er in "Lonely In The Future" weiter ausführt "Anybody try - name a place, I'm there / I wore that years ago, I did / I liked that years ago, when I was a kid", dann kann man ihm tatsächlich schlecht widersprechen. Fast auf den Tag genau vor einem Vierteljahrhundert ist "Is This It", das inzwischen zum Klassiker mit Kultstatus angewachsene Debütalbum, erschienen. Da darf man sich auch ruhig mal auf die Schulter klopfen und mit ein wenig Überheblichkeit die 25 Jahre alte Erfolgsgeschichte reflektieren.
Schickt man "Reality Awaits" in den direkten Vergleich mit dem Vorgänger "The New Abnormal", dann wirkt "Reality Awaits" ein wenig düsterer - angefangen beim dystopischen Intro "Psycho Shit" über das bereits angesprochene "Falling Out Of Love", das eindringliche "Liar's Remorse" bis zum wenig versöhnlichen Outro "Tyrants Of The Mellow Moon". Die Welt um sie herum haben die Strokes noch nie ausgeblendet, und diese Welt ist seit "The New Abnormal" keine schönere. Auch wenn sie den Nachfolger weit weg von den politischen Entwicklungen der letzten Jahre, die der Band sicher nicht gefallen haben, in Costa Rica mit Produzentenlegende Rick Rubin aufgenommen haben.
Während durch diese Zusammenarbeit für "The New Abnormal" einige der beliebtesten und erfolgreichsten Songs der Band überhaupt entstanden sind, ist bei "Reality Awaits" nicht zu erwarten, dass hier irgendein Song ähnliche Dimensionen erreicht wie zum Beispiel das über 800 Mio. mal gestreamte "The Adults Are Talking" und der Band im Herbst ihrer Karriere erneut einen ungeahnten Schub verschafft. Eingängige Riffs und Melodien, wofür The Strokes eigentlich bekannt sind, bleiben Mangelware, Songs wie "Going Shopping", "Dine N'Dash" oder "The Fruits of Conquest" geraten allenfalls unspektakulär.
Ich persönlich habe nichts gegen den Autotune-Einsatz, und die Fantano-Line wäre mir vermutlich nicht mal aufgefallen, hätte ich nicht so viel über sie gelesen. Dennoch habe ich mehr vom siebten Strokes-Album erwartet, das sechs Jahre auf sich warten ließ. Die einzigen Songs, bei denen ich mir vorstellen kann, regelmäßig zu ihnen zurückzukehren, sind neben "Falling Out Of Love" noch "Liar's Remorse" und "Going To Babble On". Vor allem die beiden erstgenannten schaffen eine so grandiose Symbiose aus Text/Inhalt und Produktion, dass man sich nur wünschen kann, dass die Wartezeit bis zum nächsten Album kürzer ausfällt.


10 Kommentare mit 8 Antworten
Werde die Platte bald mal auflegen. Kann bisher null verstehen, warum Fantano so ein Ding ist. Zwischendurch sehe ich mir mal eins seiner Videos an, und fühle mich hinterher ebenso gut/schlecht informiert wie vorher. Nicht mal als Vibe-Indikator passt das für mich. Schmähe gegen den Dude gehen klar, finde aber auch, dass man Lurchen nicht unbedingt kleinliche Aufmerksamkeit in der Kunst schenken muss.
Keine Ahnung, finde es ist einfach ne funny line. Glaube Julian sieht das selbst nicht so deep. Am Ende ist er auch nur einer von vielen der seine Meinung zu Album xy sagt.
Im Prinzip war er einer der ersten Musik-Reviewer auf Youtube, die sich extrem vermarktet haben. Dazu kam die Ästhetik, die viele Zoomer anwenden: Schnelle und viele Cuts, seltsame Interludes etc. Dadurch stach er aus der Maße raus.
Für mich persönlich war er auch nie hilfreich, da ich seinen Geschmack absolut nicht teile und ihn penetrant empfinde.
Ragism ist knapp 60 Jahre alt und beschwert sich über Internetkritiker einer anderen Generation. Lustig.
Ich verfolge den Typen seit Jahren und das einzige, was ich zu Leuten sagen kann, die sich über ihn aufregen ist: It's not that deep. Die Spellling- und Ligua Ignota-Alben, die er mit 10 von 10 Punkten bewertet hat, fand ich z. B. komplett uninteressant. Auch viele andere Reviews sind quatsch. Aber manches habe ich durch ihn entdecken können.
Viele versuchen ihm immer mal wieder Dinge zu unterstellen, das jüngste Beispiel ist das Hochholen einer Halsey-Review vom letzten Jahr, wo er dem Album 0 Punkte gegeben hat, ihren Ansatz mit der Imitation ihrer Lieblingskünstler zerrissen hat und sagte, dass ihr Schreibstil und die Tatsache, dass vieles nach Demo klingt für ihn wie "Main Character Syndrome" erscheint. Die Reaktionen darauf waren mal wieder ein Beweis für die schwindende Medienkompetenz, da viele glaubten, die Aussage mit dem Main Character Syndrome bezog sich darauf, dass Halsey Krebs hatte, während sie das Album schrieb.
Und es gibt auch mehrere Video-Essays darüber, dass er angeblich rassistisch sein soll und nichts von Hip-Hop versteht, weil er mal Alben von Kendrick und J.Cole eine 7 oder 6 gegeben hat, während Lil Pump und Sexy Redd höher bewertet wurden. Für mich auch wieder ein Fall von fehlender Medienkompetenz, denn Rezensenten bemessen ja Kunst an dem, was sie sein will und wie es umgesetzt wurde und nicht an einer universalen Punktzahl mit "objektiven" Maßstäben. Wir sind hier ja nicht bei Juliensblog, wo wir Punchline-Dichte berechnen und Videopunkte vergeben.
Ich glaube, jeder Reviewer und jede Review-Plattform hat eben Tendenzen und Lieblinge und eben halt auch Künstler und Genres, die immer mal schlechter wegkommen. Hier wird ja jedes Mal Die P als das große Ding im Untergrund hochgejazzt, während ich sie musikalisch komplett belanglos finde. Ist ja auch komplett okay.
Und im Falle von Halsey gab es da nicht mal eine Tendenz, ihr vorheriges Album wurde sogar wohlwollend besprochen. Da wurde jemand wie NAV oder Logic deutlich härter in Mitleidenschaft gezogen, was negative Reviews angeht.
Sehe ich genauso. Kann sogar oft Reviews wo ich nicht zustimme zumindest nachvollziehen und auch seine ho take Reviews machen für mich meistens Sinn. Zb. Die MBDTF Review oder die Swimming Review wo sich Leute jahrelang drüber aufgeregt haben. Für mich sind das beides keine dieser fast objektiven Meisterwerke die man zumindest anerkennen muss und deshalb gut bewertet. Ich verstehe jeden der beide Alben gut bewertet aber auch jeden der sie belanglos findet. Swimming ist am Ende guter easy listening rap die meiste Zeit aber ich kann verstehen wenn einem da der edge fehlt. Und MBDTF ist halt fast schon wie ein Travis Scott Album. Haufen Features, krasse Produktion aber auch ein bisschen seelenlos. Beide Alben sind rückblickend Klassiker aber keine „objektiven" Meisterwerke TPAB. Obwohl ich mit Kendrick nicht mal was anfangen kann
Finds auch sehr überflüssig, Fantano aktiv zu hassen, oder ihm was zu unterstellen. Ich nehme ihn für das, was ich von ihm sehe. Und das ist halt für mich idR. nicht besonders interessant oder informativ.
Ich glaube das ist so weil er das seit 16 (!) Jahren auf Youtube macht und fast jedes Genre von Trap bis Post Black Metal mal behandelt und dadurch mal mehr oder weniger kontrovers in vielen Communities stattfand. Das ist so schon organisch und nachvollziehbar gewachsen, kann mit seinen Takes und seinem persönlichem Geschmack aber auch nicht wirklich etwas anfangen.
Antony Fantano kann man nicht genug dissen.
Ich denke letztendlich ist die Platte nicht so schlecht, wie sie weitläufig gemacht wird. Ein neues New Abnormal - das mittlerweile durchaus als ihr zweitbestes Album bezeichnet werden kann - habe ich nicht erwartet, etwas spektakulärer hätten die Stücke bisweilen aber schon sein dürfen. Vor allem die beiden letzten Songs sind sehr lahm und lassen die LP auf einer Low Note enden wie man so schön sagt. Es ist etwas mühselig für die Hörer, dass Casablancas mehr Freude daran zu haben scheint, mit den Erwartungshaltungen der Fans zu spielen denn zu musizieren, aber gut für ihn. Alles ist besser als den einfachen Weg zu gehen und 100 Mal Is This It und Room On Fire in lahm zu machen, das respektiere ich.
Wenn ich am rumhaten bin, gebe ich entweder richtig Gaß oder halt einfach die Backen. Wenn ich einem Song oder Album schon so einen komischen Zeitstempel aufdrücken muss, der halbwertszeit und coolnesslevel automatisch nach unten drückt und den Diskurs um die LP fast komplett beherscht, dann sollte sich das halt auch lohnen.
Ich persönlich mag und schätze Fantano (und nehme ihn zweifelsohne als Kritiker sehr viel mehr ernst als sämtliche laut.de-Autoren), schaue mir oft und gerne seine Reviews an - obgleich ich nicht selten völlig anderer Meinung bin als er. Aber ich finde es doch eher unnötig Kritiker in den Lyrics direkt anzusprechen - (es sei denn natürlich man ist Eminem oder Olaf der Flipper) wirkt für mich zu kindisch, ablenkend und bricht dann doch beim Hören zu sehr die 4th Wall. Und der Platte selbst würde ich nicht mehr als 2/5 geben.
The Strikes waren mal DIE Vertreter des Garagen-Rock! Is this it! ein Meisterwerk. Und jetzt? Ernsthaft? Autotunes-Kacke, von Rock keine Spur. Übel.