laut.de-Kritik

Hier zählt nur die Energie: Eine Großtat des NYHC.

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"Scratch the surface! Serve a purpose!" Auch wer mit Hardcore-Punk nix am Hut hat, würde diese Zeilen intuitiv genau so intonieren, wie es Lou Koller mit Sick Of It All getan hat. Geradeaus und vor allem: aus voller Kehle gebrüllt. Scheiß auf Melodie, hier zählt die Energie.

Die Nachricht, dass Koller dem Krebs erlegen ist, war ein Schock. Mit 59 Jahren war der Sänger ohnehin viel zu jung zum Sterben. Doch weil man ihn jahrzehntelang als Moshpit-Starter kannte, geht seine immense Präsenz auf der Bühne wie auf Platte einfach nicht mit dem Gedanken an stilles Dahinscheiden zusammen.

Immerhin: Um sein Vermächtnis musste sich Koller keine Gedanken machen, sollte ihm das überhaupt wichtig gewesen sein. Natürlich gibt es im HC wie in jeder Szene diese und jene Verästelungen, doch die aggressive Tough-Guy-Schule made in New York ist heute weithin bekannt. Das ist auch Sick Of It All zu verdanken: Die Band aus Queens hat in den Achtzigerjahren mitgeholfen, das Ding anzuschieben, und kämpfte sich kurzzeitig auch so weit ins Scheinwerferlicht vor wie sonst vielleicht nur Madball. Das Jahr: 1994. Das Album: "Scratch The Surface".

Mit ihrem Drittwerk gelang SOIA ein Trojanisches Pferd. Die Kids fuhren zu jener Zeit, der Grunge-Welle sei Dank, völlig auf Gitarrenmusik ab. Punk hob gerade ab, weshalb die Plattenfirmen fieberhaft nach Neuverpflichtungen suchten, um den Trend zu bedienen. East West Records setzte seine Hoffnungen in Sick Of It All. Nur hatten die Jungs aus Queens gar nicht vor, sich zu verbiegen: Major-Debüt, Schmajor-Debüt. Sie durften das Album kurioserweise sogar selbst produzieren, entsprechend kompromisslos klingt das Ergebnis.

Jedes Detail der Platte zu besprechen, ist müßig. Das liegt weniger an Lou Koller (Vocals), seinem Bruder Pete Koller (Gitarre), Armand Majidi (Schlagzeug) und Craig Setari (Bass), als am – wenn wir ehrlich sind – eher eng abgesteckten Spielraum des Genres: 14 Tracks in 35 Minuten, da wird gebollert und geschreddert, bis die Ohren klingeln und das Shirt am Leib klebt. Und das ist gut so.

Hektisches Hi-Hat-Geticke, schon explodiert "No Cure" einem direkt in die Visage: Druckvoller Groove, vom Thrash Metal inspirierte Gitarrenriffs, dazu Kollers charakteristische Stimme und Gangshouts: Der Moshpit ist eröffnet! Noch explosiver geht dann "Insurrection" zu Werke, das einem gleich mal fette Basslines links und rechts um die Ohren haut. Der zweite Track zählt zusammen mit dem halsbrecherischen "Goatless" zu den kürzesten Songs und den schnörkellosesten HC-Abreibungen.

Sick Of It All klingen zu keiner Sekunde wie die Popstars, die sich die Labelbosse erhofft hatten. Dennoch avancierte "Scratch The Surface" zu ihrem erfolgreichsten Album – alles andere wäre auch verwunderlich gewesen. Das Songwriting ist eine Wucht, und die Marketing-Maschinerie lief auch: Für den Titeltrack und für "Step Down" gab es Videoclips und sogar MTV-Präsenz. Die Art, wie dieses neuartige Phänomen 'Hardcore Punk' im Clip zu "Step Down" humorvoll dem TV-Publikum erklärt wird, illustriert, wie wegweisend dieser Schritt für die Band und die ganze Bewegung war.

In einem Interview mit dem Metal Hammer sagte Lou Koller einst, die Befürchtung, ihr Sound könnte wegen des Major-Deals weichgespült werden, hätten Bekannte durchaus geäußert. Die Band selbst habe sich aber aufs Schreiben konzentriert und ihr Ding durchgezogen – wobei er indirekt doch eine Beeinflussung einräumt: Das Ziel, "Musik zu machen, die düsterer und härter ist als alles, was wir davor gemacht hatten", kam nicht von ungefähr. Kein Wunder, blieb der Kassenklingel-Dreiklang mit den kurz zuvor erschienenen "Dookie" und "Smash" aus.

Alle Regler auf 10 zu belassen, wäre aber zu einfach: Auf "Consume", einer Midtempo-Nummer mit bouncendem Bass, umarmen Sick Of It All den Einfluss des parallel in New York aufgeblühten Hip-Hop. Es war nach Metal-Riffs die Vollendung des SOIA-Sounds. Generell lässt sich das Gespür für heavy Grooves, das die Rhythmusfraktion auf dem Album einbringt, kaum überbewerten. Man höre sich nur mal an, was Armand Majidi etwa im Titeltrack aus seinen Kesseln klopft.

Auch "Force My Hand" startet mit tiefem Schwerpunkt, endet dann aber in einem flotten Sprint. "Step Down" liefert ebenfalls geile Basslines, Neuzugang Craig Setari durfte sich also gleich auf seiner Einstandsplatte prominent einbringen. Mit Gangshouts und Lyrics, die sich um die Bedeutung von Integrität drehen, fungiert die Single als eine Liebeserklärung an den NYHC.

Wer Sozialkritik bevorzugt, wird unter anderem in der punktgenau durchgezockten Punk-Polka "Desperate Fool" fündig, die Vergewaltigern die Kastration wünscht. Oder im Titeltrack, einer Kritik an der bereits vor den Kardashians grassierenden Oberflächlichkeit. Lou Koller mag mehr Handwerker als Poet gewesen sein, er gab uns aber die passenden Worte für die Wut auf all den Scheiß, der so falsch läuft auf der Welt. Und wenn er sich mal nicht gerade auskotzte, ermutigte er dazu, sich für eine solidarischere, gerechtere und weniger arschige Welt einzusetzen.

Mitten im Album platziert, ist "Scratch The Surface" ein echtes Highlight und packt einen dank mitreißender Riffs und einem Lou Koller on fire direkt an der Kehle. Auch über das heavy reinhauende "Maladjusted" (dem man sogar die pampige Zeile 'see through the happiness, see through the sappiness' durchgehen lässt), den Drive von "Farm Team" (und diese Breakdowns überall!) oder die Abrissbirne "Who Sets The Rules" ließe sich hier schwärmen, über das quietschende Antigitarrensolo in "No Cure" oder die ruhigen Klänge in "Cease Fire", aber wozu? Das Album dauert eine halbe Stunde, das kann man sich auch einfach wieder einmal anhören statt hier die Lesebrille überzustrapazieren. Das Ding ist fantastisch gealtert.

Mit ihrer klaren Haltung und ihrer festen Verwurzelung im Underground entpuppen sich die Koller-Brüder und ihre Mitstreiter als die bestmöglichen Vertreter, die sich der HC für das 'Experiment Mainstream' hätte wünschen können: Sick Of It All blieben sich treu. Jeder Song klingt, als hätten sie ihre Instrumente mit dauergeballten Fäusten bedient. Sie erreichten neue Hörer*innen, denen Green Day zu soft waren – wichtige Aufklärungsarbeit, für die manch ein Musikfan bis heute dankbar ist. Für die breite Masse blieben sie aber zu heavy, und nach zwei Major-Alben waren sie zurück im stickigen Keller. Integrität: intakt.

Die Worte, die dieses Meilenstein-Album beschließen, möchte man nun auch Lou Koller mit auf den Weg geben: "Alright, take it easy."

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. No Cure
  2. 2. Insurrection
  3. 3. Consume
  4. 4. Who Sets The Rules
  5. 5. Goatless
  6. 6. Step Down
  7. 7. Maladjusted
  8. 8. Scratch The Surface
  9. 9. Free Spirit
  10. 10. Force My Hand
  11. 11. Desperate Fool
  12. 12. Return To Reality
  13. 13. Farm Team
  14. 14. Cease Fire

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1 Kommentar

  • Vor 4 Tagen

    Sick of It All – Scratch the Surface ist ein raues, kompromissloses Hardcore-Brett und zurecht ein Meilenstein des Genres. Die Platte lebt von wuchtigen Riffs, aggressiver Energie und den typischen mitreißenden Gang-Vocals der New Yorker Szene. Anfangs brauchte das Album bei mir einige Durchläufe, bis es richtig gezündet hat – doch genau dann entfaltet es seine ganze Kraft. Ein Klassiker, der zeigt, warum Sick of It All bis heute zu den prägenden Bands des Hardcore zählen. 4-5 Punkte