laut.de-Kritik
Geburtstagsfeier im Tabellenkeller des Metalcore.
Review von Emil Dröll"Chris Motionless merkt an, dass das Album deutlich härter ist als frühere Werke". Na dann kann es ja eigentlich nur schlechter werden. Denn woran es Motionless In White in den vergangenen zwanzig Jahren selten mangelte, war Härte. Was der Band dagegen regelmäßig abging, waren Charakter und das Gefühl, dass hier mehr als bloße Stilübung betrieben wird.
Schon die ersten zehn Sekunden des Openers "Decades" klingen derart künstlich, dass man direkt die Lust verliert. Ja, dieses Album soll zwanzig Jahre Motionless In White feiern, das nimmt man ihm sofort ab. Gleichzeitig macht es Angst vor den nächsten zwanzig Jahren.
Geboten wird genau das, was Horror-Core und Industrial im Jahr 2026 viel zu oft servieren: generische Klangmatsche, überambitionierte Vocals, Breakdowns ohne Wucht und von allem grundsätzlich zu viel. "Log_In//Crash_Out" knüpft elektronisch daran an, garniert den Sound mit bemühten Pop-Hooks und klingt dabei wie der deutlich uncoolere Bruder von Enter Shikari oder der ebenso uncool gebliebene Zwilling von Ice Nine Kills.
Was wäre ein Geburtstagsalbum ohne eine möglichst wahllose Gästeliste? Skylar Grey schaut auf "R.I.P." vorbei, das Ergebnis ist ausgerechnet die emotionsloseste Metalcore-Hymne seit Langem.
"Fight Like Hell" greift anschließend tief in die Textbausteinkiste. "This is my brutality", "Bark or bite" oder "I am the nightmare of your dreams" sind Zeilen, die schon auf dem Papier scheiße klingen. Dazwischen futuristisch verfremdete Rap-Passagen, ein zahmer Breakdown und nicht ein einziger Moment, der sich aus der grauen Elektro-Metalcore-Masse erhebt.
Corey Taylor spendiert "Playing God" einen kleinen Glaubwürdigkeitsbonus. Das Wechselspiel der beiden Sänger funktioniert tatsächlich überraschend gut, sofern man es schafft, den musikalischen Unfall im Hintergrund weitgehend auszublenden.
Offenbar konnte aber selbst Slipknots Frontmann niemandem erklären, wie aggressiver Metal solide produziert wird. Was auf "All That I've Ever Known" passiert, möchte man eigentlich gar nicht detailliert beschreiben. Der Song endet in einem Elektrobeat, der klingt, als hätte Tomorrowland kurzfristig noch einen Rausschmeißer gebraucht.
Anthony Martinez von Dark Divine mischt auf "Blood Rave" ebenfalls mit. Das Stück gehört zwar zu den langweiligsten des Albums, paradoxerweise aber auch zu den erträglicheren. "Love At First Bite" versucht sich an Orgelsynths, "Count Back From Zero" wirkt wie der Mittelwert sämtlicher Motionless In White-Songs und "Blood Pact" setzt erneut auf die altbekannte Horrorästhetik.
"Afraid Of The Dark" bildet schließlich die trügerische Ruhe vor dem Sturm. Denn wer unvorbereitet in das Cover von "Sunglasses At Night" stolpert, erlebt den eigentlichen Tiefpunkt. Kaum etwas verdeutlicht die Ideenarmut dieses selbstreferenziellen Geburtstagsalbums besser als ein Cover, das dem Original in jeder Hinsicht unterlegen ist.
Leider ist danach noch immer nicht Schluss. Zwei Bonustracks ziehen das Album unnötig in die Länge. "Hollywood" hält sich immerhin angenehm zurück, bevor "Fight Like Hell" in der Outlier-Version noch einmal sämtliche Register ziehen möchte und erneut scheitert.
"Decades" ist ein Jubiläumsalbum, das vor allem eines feiert: die eigene Austauschbarkeit. Im ohnehin überfüllten Metalcore-Feld landen Motionless In White damit deutlich im Tabellenkeller. Wenigstens bleibt Corey Hart am Ende als unfreiwilliger MVP dieser Platte in Erinnerung. Aber wenn nicht einmal zwei Coreys dieses Album retten können, kann es sonst wohl niemand.


2 Kommentare mit 9 Antworten
Komisch, die ganzen PopCore Kids feiern das hier ab, als wäre es das Meisterwerk aller Meisterwerke. Irgendwer fährt hier also komplett auf dem falschen Dampfer. Nur wer??
Ich kriege schon das Kotzen, wenn ich nur das Cover sehe. Was soll das sein, Cannibal Corpse auf Baldrian?
Insgesamt nervt mich dieses ganze PopCore Zeugs mittlerweile so sehr, dass ich dem Werk hier keine einzige Rotierung gönnen. Die Qualität müssen daher andere beurteilen. Potentiell bin ich beim Reviewer
Leute, könnt ihr mal bitte aufhören, dieses Album hier so zu feiern, als wäre es das Meisterwerk aller Meisterwerke? Ich komm beim Lesen der vielen Kommentare gar nicht hinterher.
Vielleicht solltest du dann mal aus deiner Blase heraustreten
Aber in meiner Blase fand diese Schrottkapelle bis gestern gar nicht statt, das war eigentlich ganz angenehm.
Während das letzte Poppy-Album für mich immer noch eine 5/5 ist (ich bin also anscheinend ein PopCore-Kid), hört sich das hier echt nicht gut an. Ein Cover von "Sunglasses at night" so dermaßen in den Sand zu setzen, ist schon irgendwie eine Kunst.
Aber irgendwie scheint die Band auf laut.de (was ich mal als "hier" in deinem Beitrag interpretiert habe) auch nicht gut anzukommen. Drei Verrisse von drei verschiedenen Autoren und in den Kommentaren gibt es auch bei allen drei Alben eigentlich nur Hass.
Nun, hier hängen halt auch keine CoreGirlies herum, welche die Hauptzielgruppe dieser Band sind. Die sich auf Konzerten gerne auch mal mit Rosen beschmeissen lassen
Ich bin ein CoreGirlie
Und auf Konzerten und abseits von Konzerten lasse ich mich sehr gerne mit Rosen beschmeißen, ma sagen
Motivationslos in Weiß oder wie die Band heißt ist echt kacke. Aber ich hab neulich rausgefunden, dass Turnstile gar kein richtiger Hardcore sind. Das hat mich enttäuscht. Dafür ballert in meinem Discman Biohazard gerade richtig wild.
Leute mit Rosen beschmeißen darf höchstens Morrissey.
Aber so wie der grad drauf ist, nein danke.
Vielleicht war es aber auch andersherum:
https://encrypted-tbn0.gstatic.com/images?…
Und wenn man sich jetzt mal das Cover anschaut, das macht alles hochgradig Sinn. Cannibal Corpse sind schließlich auch dafür bekannt, ihre Konzerte mit Rosen zu schmücken und mit Rosenwasser zu beweihräuchern
@Puschel
Hast schon recht. Morrissey hat‘s sicher nicht erfunden, aber ich muss bei Blumenexzessen auf der Bühne immer an ihn denken.
Oft werfen Fans Blumensträuße, Gladiolen oder Narzissen auf die Bühne. Morrissey nimmt dann einige davon auf, schwingt sie durch die Luft, küsst sie und wirft sie als Zeichen der Zuneigung und des Dankes zurück in die Menge. Gefangene Blumen gelten als heilige Sammlerstücke.
Wie du schreibst erinnert das Albumcover tatsächlich an Corpse. Und zwar an Violence Unimagined.
Wobei das von Motionless fotorealistisch umgesetzt wurde. Finde ich völlig unpassend für ein Albumcover.
Das gezeichnete Corpse Motiv ist viel schöner.