laut.de-Kritik

Donnernde Dub-Gewalt unterbricht die Meditation.

Review von

Wir erleben allzu oft die Enttäuschung, dass ein toll gestarteter Artist nach ein, zwei Alben sein angestautes Pulver verschossen hat und das Debüt das energetische Vermächtnis bleibt. Bei Marcus Gad habe ich einen umgekehrten Eindruck. Vor einigen Jahren bin ich bei einem Ein-Tages-Festival eingeschlafen, als ich während Marcus Gad & Tribe auf die nachfolgende Band gewartet habe und den Neukaledonier als zäh, sich wiederholend, langweilig empfand. Vier Mal gegähnt bei den vorherigen Scheiben, aus Routine ins fünfte Album "For All" hinein gehört - war ich doch sofort entzückt. Dieses Mal macht es klick.

Und zwar an folgenden Stellen: Da gibt es endlich das wieder in voller Schönheit, was so vielen Hip Hop-, Reggae- und Dancehall-Produktionen heute abgeht, seit sie vom Trap infiziert wurden - Bass en masse. Die Kickdrum vibriert, die Basssaiten von David Garcia glühen in Erregung - so soll es sein, und das ist ein Markenzeichen des amerikanischen Producers Tamal, der hier mit am Werk ist und sich voller Dub-Gewalt in "Where Mi Come From" entfaltet. Es grummelt und donnert erstklassig auf diesem Longplayer.

Dann funktioniert der Wechsel zwischen gesprochenem Wort (z.B. Minute 2:17 bis 2:32), mehrstimmigen Harmoniegesängen (immer er selbst), Ragga-MC'ing, dubbigem Geblubber und Singen sehr 'flowful' und geschmeidig. Dann ist es wohl auch ein bisschen Gefühlssache: Die ganze Platte wirkt inspiriert und nicht einfach wie eine in einer Serie, sondern, beginnend mit dem naturalistischen Cover, so, als ob sich hier wirklich Ideen Bahn brächen.

Gut, die Erfindung des Rades ist das nicht. Eher meditative Gleichmut im Titelstück und im Closer "Home" - rundherum eine Platte von gehobenem Niveau in einem stark standardisierten Genre, den Modern Roots, zu denen sich mindestens New Kingston, Raging Fyah, die deutschen Unlimited Culture, die italienischen Mellow Mood und Alborosie und die senegalesischen Meta And The Cornerstones rechnen lassen können. Modern - und Roots?! Wie können Roots denn modern sein, mag man einwenden. Das ist eben eine schmale Gratwanderung.

Häufig mit dem Ergebnis, dass sich alles wie ein Klangteppich ohne Konturen anhört, alles gleich, monoton. Hier passiert dagegen einfach mehr, zum Beispiel wenn Sprachfetzen und Bläser miteinander verquirlt sind wie in "Honor Dem". Oder wenn Marcus heiß läuft, sobald er über seine Heimat-Insel Nouvelle-Calédonie, quasi bis heute französische Kolonie, und deren bedrohte Natur zu sprechen bzw. zu 'chanten' kommt.

Hier bei "For All" bleibt man eher bei der Stange. Dazu trägt Gast Dezaries Abrechnung mit Social-Distancing und Klimakrise in "The Code ft. Dezarie" bei. Elastischer Boom-Tune, tolles Teil! Ein weiterer spannend aufgebauter Track, mit E-Gitarren-Solo (Raphaël Baldy), "Shine A Light", hebt sich von der Kopfnicker-Repetitivität früherer Alben ab. Dann gibt es eingängige Nummern, die unmittelbar zünden und ihren unwiderstehlichen Groove haben: "Nah Identify" und "Fruit And Flower", das von einem Clavinet profitiert. Insgesamt also ist hier ein Neuanfang spürbar und gelungene, catchy Platte, die ihre Roots nicht verrät, aber doch von vielen gehört werden will.

Trackliste

  1. 1. Rally Round
  2. 2. Fruit And Flower
  3. 3. Strong
  4. 4. Time Of Prophecy
  5. 5. The Code ft. Dezarie
  6. 6. Where Mi Come From
  7. 7. Honor Dem
  8. 8. For All
  9. 9. Come Reason
  10. 10. Shine A Light
  11. 11. Nah Identify
  12. 12. Home

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3 Kommentare mit 26 Antworten

  • Vor 4 Tagen

    Raggae, immer wieder nett, wenn es nicht zu nervig daherkommt. Das hier klingt klasse!

  • Vor 3 Tagen

    Massenkompatibler Reggea-Pop ohne Ecken und Kanten, den man auch nicht Reggae Hörern problemlos vorsetzen kann.
    Spätestens nach dem dritten Song langweilt es gewaltig.

    • Vor 2 Tagen

      Genau, deswegen kann man es jemandem wir mir vorsetzen, weil ich eigentlich nur Raggae höre, wenn ich kurz einem Karibik Urlaub stehe

  • Vor 2 Tagen

    Mister Gad zeigt sich auf dem Cover mit nacktem Oberkörper, wo er doch sonst eher T-Shirts trägt. Eine Mogelpackung.

    • Vor 2 Tagen

      Der Konsument wird an jeder Ecke einfach nur verarscht! :mad: Wacht auf, Leute!!

    • Vor 2 Tagen

      Photoshop ist in erster Linie Kunst. Ganz im Gegensatz zu Make-Up bei Frauen, bei denen ist das vor allem Alltag.

    • Vor 2 Tagen

      Genau so wie das Corpse Paint bei Männern, bei denen ist das auch völlig normaler Alltag, vor allem im Büro und im Discounter, da passt es besonders gut

    • Vor 2 Tagen

      Aber aber, Pusch. Mach mal Google auf und lass dich mal becircen von den Fotos der Männer in Corpse Paint. Ohne jedewede weitere argumentative Vertiefung sollte das reichen, um dich von meinem völlig intersubjektiven Standpunkt zu überzeugen. Es sei denn du machst das nicht, dann muss ich davon ausgehen, dass man mit dir nicht diskutieren kann!! :mad:

    • Vor 2 Tagen

      Ich sehe Männer mit CP auf Festivals/Konzerten oder für ein Foto Shooting in irgendwelchen verlasdenen Gemäuern oder Zuhause. Kein CP im Büro, kein CP im Discounter, kein CP im Bundestag, kein CP in der Kirche, kein CP bei Oma Sonntags zum Tee, einfach kein CP im Alltag

    • Vor 2 Tagen

      Ich sehe auch keine Elefanten im Supermarkt, aber daraus folgt nicht notwendigerweise, dass es Kunst ist, wenn ich einen im Zoo sehe.

    • Vor 2 Tagen

      Kein Wunder, dass ich hier nicht auf einen grünen Zweig komme. Wenn das Satire sein soll, mein Respekt! Davor hätte ich dann schon fast Respekt.
      Aber ich befürchte, ihr meint das sogar ernst

    • Vor 2 Tagen

      Was heißt ihr? ich bin nur einer.

      Punkt ist: Du machst ne Dichotomie auf, wo keine besteht. Die Gründe für das Tragen von Make Up und Corpse Paint sind nicht nur Kunst oder Alltag, da existieren noch viele viele weitere Gründe. Fair?

    • Vor 2 Tagen

      Ich will nur mal darauf hinweisen, dass der Vergleich zwischen Corpse Paint und Make-Up nicht von mir, sondern von dem Theory Typen eingebracht wurde. Also bitte, wenn du jemanden bzgl. irgendeiner Dichtomie ansprechen möchtest, dann wende dich an ihn. Ich halte diesen Vergleich für völlig Unsinnig und du scheinbar auch

    • Vor 2 Tagen

      aber stammte "make up ist in erster linie alltag, cp in erster linie kunst" nicht von dir?

    • Vor 2 Tagen

      Make-up ja, aber ausschließlich im Kontext zu Airana Grande und nicht in irgendeinem anderen Kontext, denn du jetzt dazugedichtet hast.
      Und Corpse Paint hat ausschließlich theory reingebracht

    • Vor 2 Tagen

      "aber ausschließlich im Kontext zu Airana Grande"
      Sag ich doch, es war gezieltes Cybermobbing gegen Ariana Grande, weil sie ihm nicht die Wichsvorlage geliefert hat, die er erwartet hat.
      Das ist bei ihm wie immer. Wer nicht das liefert, was er möchte, wird als Verräter an den Mainstream und Kommerz verunglimpft und wenn es Frauen sind, die z.B. blaue Haare haben, die ihn scheinbar nicht anmachen, oder sich nicht geschminkt haben, weshalb er ihm wohl nicht hart wurde, dann geht es erst richtig ab und wird persönlich.

      Hier scheint ihm der nackte Oberkörper das geliefert zu haben, was er braucht, um sich die Zeit im elterlichen Keller zu vertreiben.

    • Vor 2 Tagen

      Da fehlen einem die Worte

    • Vor 2 Tagen

      Ich frag mich, warum Puschel schon wieder themenfremd von seinem Corpse-Paint erzählt.

      Mister Gad ist eine öffentliche Person die sich und ihre "Kunst" verkauft und dafür gut Kohle bekommt. Das Cover ist Bestandteil seiner Kunst, also können und dürfen Mubasi, Schwingster und ich das auch bewerten.

      Nichts daran ist sexistisch. Er verkauft auf dem Cover einen Mister Gad, der er eigentlich nicht ist. Auch nicht musikalisch. Darauf hinzuweisen, ist absolut NULL sexistisch!

    • Vor 2 Tagen

      "Ich frag mich, warum Puschel schon wieder themenfremd von seinem Corpse-Paint erzählt."

      Weil man Corpse Paint nicht im Alltag trägt, Make-up aber schon. Also scheint es einen Unterschied zu geben

    • Vor 2 Tagen

      Laut-Community 1:0 Puschel. Aber das Albung ist eig ganz chillig. Reggae oder so Dubbige Sachen hab ich schon lange nicht gehört.

    • Vor 2 Tagen

      Da scheint die "Laut-Community" wohl einen direkt Draht zu Infantino zu haben. Alleine theroy hat schon unzählige Eigentore verursacht und steht trotz vulgärer Äußerungen, immer noch auf dem Platz

    • Vor einem Tag

      "Was heißt ihr? ich bin nur einer."

      War das hier nicht mal weitgehend Konsens, dass wir alle nur einer sind? :(

    • Vor einem Tag

      Duri, hör auf mit dir selbst zu diskutieren!

    • Vor einem Tag

      So viel wie wir uns in letzter Zeit über Make-Up unterhalten, müssen wir wahrscheinlich eine Frau sein. Also nicht nur Miss Puschel, sondern auch die andere laut.de-Nutzerin.

    • Vor einem Tag

      Höre ich da Trotz? :Mad: :Mad:

    • Vor einem Tag

      Niemals! Lesen und gucken tuste - dat biste!
      :mad: :mad: :mad: