laut.de-Kritik

Wohlfühl-Sound, der Raum für Gedanken lässt.

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Spiritualität und ein Bewusstsein für gesellschaftliche Ungerechtigkeit und den Umgang mit eigenen Emotionen waren der rote Faden durch Kelissas bisheriges Werk. Zeilen wie "Jah is my light through the Darkness / whenever life is the hardest (...) Jah help us to forgive our enemies for all they did", führen das nun fort, wie im ergreifend schönen, feinfühligen "I Don't Even Know" auf "The Good Side Of Things". Die Schwester des Reggae-Sängers Keznamdi und Lebensgefährtin von Chronixx, Kelissa, war vor gut zehn Jahren eine der Hoffnungsträgerinnen des Roots Revivals.

Doch ähnlich wie ihr Partner zog sie sich während der Pandemie-Jahre weitgehend ins Privatleben als Mutter zurück. Die Songwriterin und Produzentin kann mit dem auch auf bandcamp verfügbaren "The Good Side Of Things" kaum etwas anderes im Sinne haben, als uns zu 'up-liften', wie man im Reggae sagt. Musikalisch folgt sie aber Chronixx' Tendenz zum Seventies-Soul, wie "Skyline Rocking", "Call Me" oder "Way You Make Me Feel" und "Jah Ɔdɔ (Jah Love)" unmissverständlich und in vorzüglicher Qualität klar stellen.

Sie folgen einem rein instrumentalen ersten Track "Cut And Clear", der laut Kelissa von der Brachlegung von Feldern in der Landwirtschaft inspiriert sei, also davon der Natur ihre Zeit, natürlichen Zyklen und Erholung zu lassen. Auch Afro-Funk steht auf dem Spielplan, drückt "Jah Ɔdɔ (Jah Love)" in der westafrikanischen Sprache Twi ebenso klar aus, gerne auch mit einer Prise Ska gewürzt, wie in "Trying".

Sie habe es mit einem neuerlichen Longplayer nach dem Debüt "Spellbound" und dem Mixtape "Anbessa" nicht eilig gehabt, relativiert die Künstlerin im Interview mit dem Billboard-Magazin. Das sich doch glatt für eine im Eigenverlag releasende Nischen-Interpretin interessiert, die seit anderthalb Dekaden als Newcomerin gehandelt wird. Sie ist eben reizvoll, weil sie ein ganz eigenes Ding jenseits der Aufgeregtheit von Zahlen und Klicks und Trends und Internet durchzieht.

Sie war schon immer eine sehr erwachsene Newcomerin, was womöglich daran liegt, dass sie als Kind schon im Aufnahmestudio stand, bei ihren Eltern, die selber Artists sind und den Song "Trying" vor 30 Jahren entwarfen. Und: Kelissas Souveränität und Gefestigtheit wurzeln wohl auch darin, dass sie im Ausland ihren Studienabschluss machte, weit weg an der US-Westcoast, von der Welt auch andere Seiten gesehen hat, zum Beispiel Äthiopien.

Was sie dem Billboard-Reporter also sagt: Lauryn Hill habe ja überhaupt nur eine CD gemacht, trotzdem schaue die Welt bis heute zu ihr auf. Da hat sie Recht. "Ich muss ja keinen Preis gewinnen", trällert Kelissa entspannt in "Call Me". Es kommt eben nicht auf stete Funksignale an, und auch nicht auf Quantität. Sondern darauf, für etwas Unverwechselbares zu stehen.

Das tut Kelissa mit ihrem Wohlfühl-Sound, der Raum für Gedanken lässt und statt einer überladenen Produktion auf ein lässiges Weniger-ist-Mehr setzt. "Uneasy" kommt in seinem unorthodoxen Stolper-Rhythmus mit E-Piano, Percussion und Kelissas honigsüßer Stimme gut zurecht. Hier und da ergänzen Querflöte, Saxophon und Harmony-Chor. Alles ist unaufgeregt, um aus der misslichen Lage, sich "Uneasy" zu fühlen, heraus zu führen. Hinein in Vertrauen, Zuversicht, Dankbarkeit, Menschlichkeit, so die Botschaften verschiedener Stücke.

Die Flöte kommt öfter mal vor, dadurch mag man stellenweise an Jah9 denken. Ein bisschen zu inflationär kriechen die Blechbläser überhaupt auf diesem Album aus jedem Winkel hervor, was sogar mir als Saxophon- und Flöten-Fan zu viel des Guten ist. Kelissa wirkt aber nahbarer, weniger predigend, will die Welt nicht aus den Angeln heben. Denen aber, die einen "real General inna Jah army" suchen, gibt sie schon auch die richtige Botschaft mit auf den Weg. Sich nicht unterkriegen lassen, mit Bewusstsein für die eigene Power an die Dinge herangehen, auch bei einem "Earthquake And Thunder", oder besser selber eins auslösen. Insbesondere als Frau in einer toxischen Beziehung, worauf sich das Lied bezieht.

Die Probleme mit Korruption, Lebensmittel-Verschwendung, Ausbeutung, Inflation seien weltweit doch recht ähnlich, ob nun in Kingston oder Köln, sagte mir ein altgedienter Rasta-Poet im Juli auf einem Festival. Kelissa McDonald, die in einem starken Song vor zwölf Jahren schon zu trösten versuchte und urteilte, "the cost of living is so unforgiving", ist sich treu geblieben. Immer noch steht sie auf der guten Seite der Dinge und ist eine angenehme Begleiterin im Ohr, die Härte und Kälte des Kapitalismus trotzt.

Trackliste

  1. 1. Cut And Clear
  2. 2. Skyline Rocking
  3. 3. Jah Ɔdɔ (Jah Love)
  4. 4. Way You Make Me Feel
  5. 5. All My Days
  6. 6. I Don't Even Know
  7. 7. Trying
  8. 8. Uneasy
  9. 9. Earthquake And Thunder
  10. 10. Call Me

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