laut.de-Kritik

Haltung entsteht durch Sprache, nicht durch Uniform.

Review von

"'Soldatenschicksale' vereint überarbeitete Versionen von 'Yankee Division' (2022), 'Der Füsilier' (2023) und 'U-Bootsmann' (2023) sowie zwei brandneue Stücke, die als 'Skagerrak' fungieren." Scheinbar gab es also Verbesserungsbedarf im Hause Kanonenfieber. Unter dem Titel "Soldatenschicksale" – man ahnt es – sollen Einzelschicksale von Soldaten beleuchtet werden.

De facto erscheinen jedoch lediglich zwei neue Songs auf einem "neuen" Album, während der Großteil aus bereits bekannten Tracks besteht, die klanglich überarbeitet wurden. Diese Überarbeitung äußert sich vor allem in einem satteren, dunkleren Sound. Der vormals schneidende, aggressive Death Metal-Charakter wurde spürbar entschärft, die Tiefmitten treten stärker hervor, alles wirkt runder, weniger bissig. Ob das eine Verbesserung ist, bleibt Geschmackssache, es passt allerdings zur zunehmend epischen Ausrichtung der Band.

Von Beginn an: "Z-Vor!" eröffnet das Album im strengen Marschrhythmus, unterlegt von einer historischen Funkaufnahme. Kurz darauf brechen die Blastbeats los, wie man es von Kanonenfieber kennt, Death- und Black-Metal in ihrer funktionalen Standardausprägung. Gegen Ende kippt der Song in einen schweren, fast hymnischen Part, bevor er erneut Fahrt aufnimmt. Inhaltlich drohen wie immer: Gefecht, Tod, Verderben. Der Track zeigt einmal mehr, dass Kanonenfieber ihr musikalisches Handwerk beherrschen. Gerade im Epischen gehört diese Band zur oberen Genreliga.

"Heizer Tenner" lässt es zunächst ruhiger angehen und schildert das verstörende Schicksal einer Schiffsbesatzung. Auch hier gilt: Das, was Kanonenfieber machen, machen sie gut. Trotz bedrückender Grundstimmung klingt alles organisch, die Songstruktur ist abwechslungsreich, Blastpassagen werden bewusst aufgebrochen, Pausen zugelassen.

"Kampf und Sturm - 2025" überzeugt auch 2026 noch mit einem ausgesprochen starken Intro und wird damit ungewollt schon zum Sinnbild des restlichen Albums: Es sind eben alte Songs, "neu" verpackt. Bei gerade einmal zwei neuen Tracks hätte sich ein Single- oder EP-Format aufgedrängt. So bleibt der Eindruck einer Veröffentlichung, die mehr verwaltet als gestaltet.

Neben dieser schöpferischen Fehlleistung schwebt jedoch etwas Grundsätzlicheres über dem Album. Kanonenfieber stehen für Extreme Metal auf hohem Niveau, daran gibt es nichts zu rütteln. Und doch stellt sich erneut dieses eigentümliche Unbehagen ein. Death- und Black-Metal schöpfen traditionell aus Nihilismus, Abstraktion, existenzieller Leere. Kanonenfieber hingegen wählen den bequemeren Weg mit den Themen Krieg, Leid, Sterben. Immer wieder Krieg, vorgetragen von Musikern in Uniformen, Pickelhauben, schwarzen Strumpfmasken. Und ja: Anonymität ließe sich auch anders herstellen. Die Kostümierung wirkt nicht zwingend, sondern kalkuliert. Diese Musik braucht sie nicht. Die Uniformen, die expliziten historischen Verweise, die detailverliebte Darstellung von Kriegsgerät, all das erscheint weniger als notwendiges Stilmittel denn als ästhetische Absicherung.

Geschichte wird hier nicht nur erzählt, sie wird ausgestellt. Schiffe, Waffen, Schlachtfelder reproduzieren Kanonenfieber mit einer Genauigkeit , die Authentizität suggeriert, gleichzeitig aber bedienen sie eine Faszination, die sich nicht mehr vollständig kontrollieren lässt. Dass Kanonenfieber mahnen wollen und nicht verherrlichen, daran besteht kein Zweifel. Ihnen Böswilligkeit zu unterstellen, wäre billig. Doch ein rein auf Krieg ausgerichtetes Bandkonzept trägt ein strukturelles Risiko in sich: Wer Bilder, Symbole und Narrative permanent reproduziert, nimmt zwangsläufig in Kauf, dass sie auch jene anziehen, die genau das feiern, was eigentlich kritisiert werden soll.

Das Problem ist nicht neu. "Deutschland" von Rammstein "funktioniert" nach einem ähnlichen Prinzip. Die Lyrics wettern mehr oder minder offen gegen stumpfen Nationalismus, Gewalt und Geschichtsverklärung, doch die visuelle, interpretative und emotionale Wucht begeistert zugleich genau jene, die diese Inhalte affirmativ lesen wollen. Kritik und Spektakel liegen gefährlich nah beieinander, wenn die Inszenierung übermächtig wird.

Dabei zeigt die Metalgeschichte, dass es auch anders geht. Große Namen wie Metallica oder Black Sabbath haben Antikriegslieder geschrieben, die bis heute wirken. Nicht, weil sie ganze Bandidentitäten darauf aufgebaut haben, sondern weil sie das Thema lyrisch abstrahiert haben. Krieg war Motiv, nicht Markenkern. Haltung entstand durch Sprache, nicht durch Uniform.

Bei Kanonenfieber ist es umgekehrt. Das Konzept verschlingt die Aussage. Und das führt zu einem weiteren Problem: Die Lyrik bewegt sich auf dem offensichtlichsten moralischen Konsens, den man haben kann. Jeder Mensch mit intaktem Menschenverstand weiß, dass der Erste Weltkrieg ein Grauen war. Das ist keine unbequeme Erkenntnis, keine streitbare Position, kein Risiko. Es ist das Minimum historischen Bewusstseins.

Gerade deshalb wirkt die moralische Eindeutigkeit der Texte so schwach. Sie predigen nicht zu den Zweifelnden, sondern zu den Überzeugten. Das ist keine politische Zuspitzung, sondern moralische Selbstvergewisserung. Bildung ja, aber ohne Erkenntnisgewinn. Betroffenheit ja, aber ohne Reibung. Während Sabaton offen Kriegerfantasien bedienen, liefern Kanonenfieber die düstere Gegenerzählung. Doch beide Seiten nähren denselben Kreislauf: Krieg als zentrales Narrativ des Genres. Die einen feiern, die anderen klagen, und beide liefern den Stoff für jene, die ihre kleinen Scharmützel längst im Kopf austragen.

"Soldatenschicksale" ist vielleicht ein funktionierendes, ernst gemeintes Album. Doch es steht exemplarisch für ein Metal-Selbstverständnis, das sich in historischer Eindeutigkeit verliert. Kostümierung, Detailfetisch und totale thematische Fixierung machen aus berechtigter Kritik ein museales Konzept. Krieg als Thema ist legitim, als alleinige Identität wird er künstlerisch stumpf. Die Musik kann mehr. Dieses Album will es nicht riskieren.

Hinzu kommt: "Soldatenschicksale" ist faktisch kein vollwertiges neues Album. Zwei neue Tracks tragen diese Veröffentlichung nicht, erst recht nicht, wenn der Rest aus bereits bekannten Songs besteht, die lediglich klanglich nachgeschärft wurden. Das mag für Komplettisten interessant sein, rechtfertigt aber weder den konzeptionellen Anspruch noch den Albumstatus.

Trackliste

  1. 1. Z-Vor!
  2. 2. Heizer Tenner
  3. 3. Ubootsperre - 2025
  4. 4. Kampf und Sturm - 2025
  5. 5. Die Havarie - 2025
  6. 6. Der Füsilier I - 2025
  7. 7. Der Füsilier II - 2025
  8. 8. The Yankee Division March - 2025
  9. 9. Die Fastnacht der Hölle - 2025

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LAUT.DE-PORTRÄT Kanonenfieber

Kanonenfieber sind irgendwo zwischen Death- und Black Metal einzuordnen, je nachdem, welche Quelle herangezogen wird. Oft ist die Rede von Blackened Death …

21 Kommentare mit 93 Antworten

  • Vor 6 Monaten

    Nich meine Musik, wenn auch handwerklich auf top Niveau. Danke auch für die kritische Einordnung, die ich bei so ner Band extrem wichtig finde. Während ich Filme und Serien zum Thema Krieg schaue und im Großen und Ganzen damit kein Problem habe, finde ich Krieg in der Musik irgendwie ziemlich unangenehm...vor allem wenns wie hier das einzige Thema ist. Krieg in Filmen dient zwar ebenfalls wie in der Musik überwiegend der Unterhaltung, aber ich find die Vorstellung zu solchen Themen zu moshen oder die Matte zu schütteln irgendwie ziemlich bizarr und makaber...

  • Vor 6 Monaten

    Na das war ein 7,7-cm-Feldkanone 96-Schuss in den Ofen, Grabenkamerad.

    Ohne das ganze durchkalkulierte Kostümfest würde die Band im Release-Sumpf untergehen. Optik, nicht Musik, ist alles in den Zeiten der Insta Reels.

  • Vor 6 Monaten

    Irgendwie bezeichnend, wenn man nach zwei Alben um zwei neue Songs bereits eine Mini-Best-Off basteln muss.
    Dieser monothematische Mummenschanz dürfte wohl weitgehend auserzählt sein.
    Ungehört 1/5 für diesen Schmutz sollte außerdem klar sein.

    • Vor 5 Monaten

      Dass jemand, der Musik - und um die gehts hier letztendlich - ungehört beurteilt, nicht ernst zu nehmen ist, sollte aber auch klar sein. Aber wenn ich mir deinen Verlauf ansehe, ist Selbsterhöhung durch Abwertung womöglich dein Ding. Inhaltlich: Für Hörer von Kanonenfieber, die physische Tonträger bevorzugen, macht die Kompilation schon Sinn, da die 3 EPs, aus denen sie besteht, allesamt vergriffen sind. Ist also eigentlich kein Best-of, sondern eine Neuauflage. Das Konzept hinter Kanonenfieber lässt sich natürlich sehr kontrovers diskutieren, aber nicht auf diesem Niveau.

  • Vor 5 Monaten

    an alle, die hier was von phänomenalen konzerten erzählen. konzerte werden regelmäßig unterbrochen, weil der dude irgendwelche heuler gedichte vortragen möchte und hässig wird, wenn die zuschauer den vibe killen. unfassbar phänomenal wenn das konzert zu spoken word poetry slam mit heuler gedichten wird...

  • Vor 5 Monaten

    Kann man sich ganz nett anhören, aber da fängt auch schon mein Problem damit an: Für ein Black Metal Output, dass sich n erster Linie mit Krieg beschäftigt, klingt mir das musikalisch einfach zu nett. Da würde ich eher etwas wie Gorgoroths "Under the sign of hell" erwarten, das ist ne Granate in musikalische Form genoßen! Kanonenfieber gibt vor, Kriegsthemen musikalisch zu verarbeiten, behauptet es, klingt aber nicht danach und fühlt sich auch nicht so an! Dafür fällt alles zu gefällig, zu angenehm aus

  • Vor 5 Tagen

    Gutes Video von Arte indem auch noch mal das Panzermuseum zu Wort kommt. Sollten sich alle, die über die Band herziehen und UNterstellungen in die Welt setzen nochmal anschauen.

    https://www.youtube.com/watch?v=i_1TKxRMIXY

    • Vor 5 Tagen

      gähn. Es kommt immer das gleiche bei raus. Und gerade der Tracks-Beitrag zeigt für mich, wie Kanonenfieber einfach aus Weltkrieg Unterhaltung machen. Mehr nicht.

    • Vor 5 Tagen

      Ich muss unbedingt mal ins Panzermuseum, um mir vor Ort einen Eindruck zu verschaffen. So aus der Distanz Dinge zu beurteilen, finde ich besonders schwach. Auf geht's!

    • Vor 5 Tagen

      Ich ziehe lediglich über sie her, weil sie die deutsche Antwort auf Amon Amarsch sind. Generischer Melodeath/black/whatever.

    • Vor 5 Tagen

      Ich habe Kanonenfieber auf dem Summerbreeze 2025 gesehen. Eines der besten Konzerte, bei dem ich je war. Der Auftritt wirkte wie ein Theaterstück und je weiter die gesungene Erzählung fortschritt, desto größer wurde das Gefühl innerer Beklemmung. Auf dem Weg zurück zum Zeltplatz hat sich so gut wie jede Person über das Konzert auf eine Art und Weise ausgetauscht, die weit über „das war geil" hinausging. Es wurde diskutiert, wie welche Szene zu interpretieren war. Das habe ich so noch nicht erlebt. Die initiale Befürchtung, hier kriegsverherrlichende, ggf. rechte Musik zu hören, war damit (und bleibt auch hoffentlich in Zukunft) ausgeräumt.

    • Vor 5 Tagen

      Ist ja nicht so, dass ich mir Noise und seine tapferen Soldaten nicht auch schon angesehen habe. Hitlergrüße, ein Theaterstück, das Krieg abfeiert und ein Frontmann, der seine Crowd nicht unter Kontrolle hat. Diskutiert hat da niemand, sondern sich am Füsilier und an der Schlacht von Tannenberg erfreut. So unterschiedlich sind wohl Konzerterlebnisse.

    • Vor 4 Tagen

      Wer sie live gesehen hat kann zustimmen. Besonders am Anfang hat man ordentlich zu schlucken. Man fühlt sich schlimm, dreckig, voller Scham und schrecklich. Dieses Gefühl Kanonenfieber das erste mal live zu sehen, würde ich jedem ans Herz legen. Noch nie hat irgendwer in mir solche Gefühle hervorholen können. Obwohl man etliche Jahre im Geschichtsunterricht mit diesem Thema beschäftigt war. Danke für den Beitrag, Danke an die Museen und Danke an die Band. Wir dürfen das alles nicht vergessen und erst recht nicht wiederholen lassen.

      Ich werde oft komisch angeschaut oder auch angesprochen, wenn ich 1914 Merch trage (Totenköpfe, eiserne Kreuze, Soldatenhelme etc). Es ist heutzutage etwas schwierig, manchen Menschen die Hintergründe zu erklären, ohne dass sie mit der NaziKeule kommen. Ich werde in Zukunft auf diese Reportage verweisen.

    • Vor 4 Tagen

      "Noch nie hat irgendwer in mir solche Gefühle hervorholen können."

      Mein Beileid.

    • Vor 4 Tagen

      @nieswand: Ich habe sie live gesehen und kann gerade deshalb NICHT ZUSTIMMEN.

    • Vor 4 Tagen

      "Besonders am Anfang hat man ordentlich zu schlucken. Man fühlt sich schlimm, dreckig, voller Scham und schrecklich."

      Ich stand tatsächlich noch nie auf der anderen Seite. Kann mir vorstellen, dass es emotional anstrengend ist. Von außen sieht immer alles so einfach, gewollt und würdevoll aus. Ich werde mich da in Zukunft vielleicht etwas mehr hinterfragen, bleibe aber doch lieber dort, wo ich bin.