laut.de-Kritik

Vielversprechender Rückschritt in den reinen Rap.

Review von

Ikkimel macht bessere Hits, wenn sie nicht krampfhaft versucht, Hits zu machen. Ihr jüngstes Album "Poppstar" wollte ihre Formel in Hochglanzvideos und Superstar-Status übersetzen. Kommerziell mag das funktioniert haben, aber es war ein seltsamer Fit für jemanden, dessen Genre im Grunde Ragebait ist. Auf "Ikkimel Die Geile EP" mit den Drunken Masters kommt eine rotzige Beiläufigkeit zurück, die ihr besser zu Gesicht steht.

"Ikkimel Die Geile" ist ein von den Drunken Masters moderiertes Trashtalken von der Eckbank der Kneipe. "Zwölf-Zentimeter-Heels und ich spuck' ihm auf den Kopf / Wieso glotzt du mich so hässlich an in dei'm Hugo Boss? / Und ich zerr' ihm an sei'm Rattenzopf hochkant aus der Pinte / Die Mädels hacken nochmal nach, sieh zu, dass du verschwindest", rappt sie auf dem Opener und fügt sich sehr natürlich über die Produktion ein. Im Hintergrund loopt ein Pfeif-Sound, man glaubt ihr, dass sie nur einmal Schnipsen muss und die Dienerschaft trägt ihr das Kokstablett im Anzug in die Absteige.

Die ganze EP setzt überraschend wenig auf große Hooks und fokussiert mehr auf die Verses. Und klar, Ikkimel ist jetzt nicht ein Spitter im klassischen Sinne, aber sie findet auf diesen Beats ihr Mojo. Hier und da setzt sie eine gute Punchline, die meiste Zeit bewegt sie sich aber mit einer unterhaltsamen Way Above-Attitüde über die Instrumentals, als wolle sie zeigen, dass sie sich gar keine Mühe geben brauche. Und dennoch: Da sind ein paar Spielerein mit dem Reimschema und ein paar Flowwechsel dazwischen, die das ganze musikalisch stützen. Da ist ein Handwerk dahinter, alles so effortles aussehen lässt.

Mein Favorit wäre definitiv das extrem atzige "Kein Kokain". "Ich brauch kein Kokain vor der Show, ich bin nicht schüchtern / Du bist ein Hurensohn, ich sag's dir nüchtern" brennt sich augenblicklich ein, das ist ungeblümt und in die Fresse. Generell tut die Produktion sehr viel, um sie ein bisschen aus dem Cartooncharakter loszueisen. Besonders auf diesem Track sind es die leise durch den Hintergrund tragenden Glockensounds hinter dem Miami Bass, die dem Song Tiefe und ein bisschen Grit geben. Die Drunken Masters lassen das Habitat von Tempelhofer Bordstein und zwielichtigen Kneipen im Detail aufblühen - und allein das gibt Ikkimel ein bisschen artistische Facette zurück.

Ich würde auch sagen, dass ich das sehr an den Interludes wertschätze. Ich bin mir nicht sicher, ob es nötig gewesen wäre, die ganze EP links und rechts mit wenig überzeugenden Fan-Testimonials vollzuklatschen. Von wegen sie hätte den Trend mit dem Techno-Rap gesetzt (hat sie nicht) und sie würde Frauen all dieses Selbstbewusstsein geben. Ein bisschen ulkig, dass die Girls im Intro kurz schüchtern einhalten, bevor sie mit einem stummen "höhö" das Wort "fotzig" sagen. Das ergibt Sinn.

Trotzdem: Wenn "Gerne Sexy (Interlude)" den "Berliner Arroganz"-Track mit komplexem und eisigem Synthwork eröffnet, mag man kurz das Gefühl finden, Ikkimel würde gleich nochmal einen anderen Gang einlegen. Tut sie nicht, stattdessen hören wir sie kurz Werbung für Botox machen. Na gut. Aber ich merke doch: Ich warte die ganze Zeit darauf, dass das Medium Album oder EP Ikkimel irgendwann ein bisschen einen anderen Modus oder eine andere Facette entlockt. Ihre ganze Arbeit steckt bisher so felsenfest in ihrer Persona - und trotzdem möchte man meinen, diese Person hätte noch ein paar Sounds und Gedanken, die überraschen könnten.

Auf "Ikkimel Die Geile" reichen aber schon ein paar atmosphärische Interludes und gut texturierte Beats, um Ikkimel kreativ gut in Gang zu bringen. Sie rappt wieder auf einem richtig guten Level, sie ist als MC durch die Bank wahnsinnig unterhaltsam, unangestrengt und dynamisch. Ich bin gespannt, ob dieser kleine Rückschritt in den reinen Rap ein Blick in die Zukunft des selbsternannten "Poppstars" ist. Mir scheint die Richtung vielversprechend.

Trackliste

  1. 1. Ikkimel 4 President (Intro)
  2. 2. Ikkimel Die Geile
  3. 3. Gerne Sexy (Interlude)
  4. 4. Berliner Arroganz
  5. 5. Bamba (Interlude) (feat. DJ Paulinho Mondi Da Baixa Baviera)
  6. 6. Kein Kokain
  7. 7. Stilettos

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13 Kommentare mit 26 Antworten

  • Vor 18 Tagen

    Haus-Maus-Reime, Einschlaf-Flows und nervigste Delivery seit Farid Bang. Dass dieser drölfte Aufguss ihres Trademark-Ragebaits auf der Erstie-Party oder im Vollsuff auf‘m Deichbrand funktioniert, geschenkt, aber wie sich das Menschen, die sich wirklich für Rapmusik interessieren, ernsthaft anhören können, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Und ich versuchs wirklich mit jedem Release aufs neue.
    2/5 weil die Beats diesmal etwas weniger schlimm als sonst sind.

    • Vor 17 Tagen

      This. Das Beste an ihr ist, dass ihre Auftritte die Richtigen triggern. Ansonsten ist das für die Ohren so sexy wie der Borat-Nacktkampf für die Augen.

    • Vor 17 Tagen

      Ich Feier es aus dem gleichen Grund aus dem ich auch Arzt&Orgi oder 2 Live Crew feiern konnte. Geht doch umse hören!

    • Vor 17 Tagen

      Und ich feier es aus dem gleichen Grund nicht. Und ja, dagegen sogar lieber Umses Fahrstuhlmusik. Der hat im Vergleich deutlich bessere Intonation und mehr inhaltliche und handwerkliche Tiefe. Dann hör doch konsequent bitte auch Tic Tac Toe und Lucilectric.

    • Vor 17 Tagen

      Man muss den Mädels die Spielereien auch einfach mal Verzeihen - sie sind halt so! Ein guter Mann lächelt das weg, steht drüber und lässt ihr das gute Gefühl. Was wäre das auch für eine langweilige Welt, wenn die Natur dieses Schauspiel nicht von Anfang an integriert hätte!? Die Männer würden nur faul auf der Haut liegen, nix hinbekommen und seien wir doch mal ehrlich: so ganz ohne Ärgerlichkeit ist doch auch arg fad alles, oder?

    • Vor 17 Tagen

      Aua, Caps, das Umse-Ding war ein Tiefschlag :)
      Orgi fand ich aus oben genannten Gründen genauso unerträglich.
      Arzt hatte immer noch so eine gewisse Funkyness, deswegen fand ich den stellenweise ganz okay (Shake dein Hammerkörper ging damals sehr hart).
      2 Live Crew auf Party natürlich unschlag- und hatebar, um das ma klarzustellen.

    • Vor 17 Tagen

      Achso, von wegen Haus Maus:
      „Und Sie sagen wir sind ganz schwierig, (Häh?!)/
      Dabei sind wir doch nur schwanzgierig“

    • Vor 17 Tagen

      Ja, stark. Einen alten Chauvinistenspruch geklaut und in einen Vers gepackt

    • Vor 16 Tagen

      Caps, wenn der olle 80er Boomerwitz als Beweis ihrer Skills herhalten muss, ist das alles, was man wissen muss.

    • Vor 16 Tagen

      Humor ist für euch auch ein Fremdwort, oder?

    • Vor 16 Tagen

      Sorry Caps! Hab zuletzt offenbar so viele abenteuerliche Verteidigungen von Ikkimel gelesen (v.a. was die Rapskills angeht), dass ich das nicht als Witz gelesen habe.

    • Vor 16 Tagen

      Bzgl Rapskills ist die halt schon besser als Arzt… hier ein Witz mit „Latte“ einfügen.

    • Vor 15 Tagen

      Stimmt, aber das spricht eher gegen Arzt als für sie

    • Vor 14 Tagen

      Naja, ich möchte behaupten vom Druck in der Stimme und der Betonung her ist sogar Arzt besser. Oder Jazzy. Oder Bürger Lars Dietrich.

    • Vor 14 Tagen

      Wie gesagt, als Trigger für Stammtischdeutsche funktioniert sie super. Dafür gibt's Pluspunkte. Aber mir ist es schleierhaft, wie sich das jemand freiwillig länger als 2 Minuten anhören kann, ohne sich akustisch belästigt zu fühlen.

  • Vor 16 Tagen

    Ist zwar verführerisch, aber ich werd sie trotzdem nicht abfeiern dafür, dass die größten Trottel der Republik sie offensiv scheiße finden. Machen viele, und fühlt sich für mich nach einer ähnlich dürftigen Motivation an wie RTL "ironisch" zu gucken. Ja, schön, dass man sich dabei besser vorkommt - einmal besser als "der Pöbel", der eine Sendung angeblich ernsthaft guckt; und hier halt besser als die Einzeller, die sich einfachst von Ikki provozieren lassen. Nimmt halt Sendungen oder Acts, die spürbar mehr Herzblut an den Tag legen, trotzdem das Scheinwerferlicht und somit auch den möglichen Erfolg.

    Bleiben wir doch bei aller Gelassenheit dabei, dass das nicht unbedingt das gewitzteste, am besten geschriebene, performte oder produzierte Material ist, und dabei gleichzeitig ein guter Deppenenthüller. Sie hat ihre Nische gefunden, Verklemmte Sabines feiern es sehr, noch härter verklemmte Axels hassen es umso mehr. Hat seine Existenzberechtigung, die zu 100 Prozent mit der ihr monatsaktuell geschenkten Aufmerksamkeit steht und fällt. Und abgesehen von diesem Appell ans Maß schenke ich meine Aufmerksamkeit lieber Anderen :)

    • Vor 11 Tagen

      Ich finde die Pointe Recht tragfähig.

      Dass genau dieselben Klappskallis auf sie losgehen, die schon Danger/Igor lautstark aus dem Diskurs drängen wollten, ergibt auf der künstlerischen Seite doch echte ne komische Situation.

      Dafür kann ich sie nur mögen.

      Die ist so Gabi Delgado DAF für heute mit der Wirkung

      Sowas ist doch eigentlich auch deine Metaebene oder ?

    • Vor 11 Tagen

      Keine Ahnung, ob es bei Ikkimel wirklich dieselben sind, die auch etwas selbstentlarvend über Danger Dan hergezogen haben. Bei Dan warens eher linke Koleg*innen, bei Ikkimel sinds eher Rechts- und Mitte-Boomer, so zumindest mein Gefühl.

      Ich wittere bei Ikki eher den Kommerzaspekt, denn besonders subversiv oder gewitzt kommt sie mir jetzt nicht vor, wenn sie mit Bildern von der selbstbewußt-kindlichen Variante der gefügigen Frau aus der Brummifahrerpornographie spielt. Ist legitim und erst mal nicht hatebar - aber befreiend oder Themen aus der Tabukiste räumend ist sie jetzt weniger als eine Lady Bitch Ray oder erst recht eine Peaches es waren. Zumindest mein Eindruck, den ich auch aus eher trotteligen Interviews mit ihr bekomme. Die Metaabene kommt mir da zu kurz, wenn es sie überhaupt geben soll. Sehr das eher als Spaßmucke ohne Ansprüche, was auch voll okay ist.

    • Vor 9 Tagen

      Ich glaub eher, die meisten Leute sind gelangweilt und ordnen es als das ein, was es ist: etwas, das mit Feminismus oder richtiger Provokation nichts zu tun hat. Schau dir mal den Moma-Auftritt an, vor allem den Herren rechts unten von der Bühne in dem schwarzen Hemd und den Mann links von ihr, der dem Po-Wackler ausweichen muss, blicktechnisch. Irgendwie passt hier gar nichts zusammen bei den dressierten Männern, andererseits ist das auf beiden Seiten exakt die gähnende Langeweile, die dieses Land soooo verdient hat. Mein Highlight ist allerdings, wie die Moderatoren am Ende noch leicht beschämt grinsend disclaimen müss, dass ja alles nur Provokation sei. Übrigens: ein Mann mit Bierbauch ist tendenziell verlässlicher als ein gestählter Alpha. Irgendwie hofft man dann doch insgeheim, dass sie es nicht so schnell merkt, wie krass sie sich zum Affen macht. Bin auf ein Lanz-Interview mit ihr in 20 Jahren gespannt. Meine Vermutung: Statusliebe & ökonomisch erfolgreicher Mann, konservative Beziehung.

  • Vor 14 Tagen

    5/5

    Wenn eines Tages die Geschichte der deutschen Musik geschrieben wird, werden vor allem drei Namen genannt werden:

    Scooter Rammstein und Ikkimel