Keine Angst!
Sehr im Gegensatz zu "Keine Angst". Daran führte diese Woche kein Weg vorbei, hier natürlich auch nicht:
Für die mediale Omnipräsenz dieses Liedes darf sich Danger Dan beim ZDF bedanken: Eine bessere Werbeaktion als erst von einer Redaktion ein- und dann von der Intendanz wieder ausgeladen zu werden, hätte die findigste Marketing-Agentur nicht ersinnen können.
Ihr habt es mitbekommen? Falls nicht, die Kurzfassung: Danger Dan und Igor Levit wurden eingeladen, "Keine Angst" in der einhundertsten Ausgabe der Satiresendung "Die Anstalt" aufzuführen und anschließend zu diskutieren. Über den Text zu sprechen erschien angebracht, handelt es sich doch um eine Anleitung zum antifaschistischen Widerstand. Oder, wie manche überzeugt sind, um einen Aufruf zu Gewalt und Selbstjustiz. Deswegen machte das ZDF der "Anstalt"-Redaktion einen Strich durch die Rechnung und lud Danger Dan und Levit kurzfristig wieder aus.
Statt im Rahmen eines Kulturprogramms, das wahrscheinlich nicht viel mehr als drei Handvoll Leute mitbekommen hätten, präsentierten die beiden Aufrührer ihr Guerillakrieg-Tutorial daraufhin im Rahmen einer eigenen Veranstaltung:
Ein sehr schönen Bericht darüber veröffentlichte zum Beispiel Jens Uthoff in der taz.
1 Kommentar
Hab’s mir angesehen. Gute Unterhaltung, starke Musik, viel Pathos und eine ordentliche Portion “Wir schaffen das”-Vibes.
Ich habe letzte Woche schon geschrieben, dass ich Danger Dan mag. Seine Musik finde ich ehrlich gut. Trotzdem bleibt bei mir ein schaler Beigeschmack.
In einer 90-minütigen Show stehen im Wesentlichen vier weiße Akademiker auf der Bühne. Man erinnert an die Opfer des Anschlags von München 2016, zählt ihre Namen auf und spricht sie größtenteils korrekt aus. Das ist respektvoll und lässt einen im guten Licht stehen. Aber warum steht niemand auf der Bühne, der den Opfern ähnelt oder aus einer vergleichbaren Lebensrealität kommt? Künstler mit Migrationsgeschichte oder aus den betroffenen Communities, die dazu etwas zu sagen hätten, gibt es genug.
Auf mich wirkt das wie ein linker, privilegierter Circle Jerk: Man redet viel über Menschen, aber erstaunlich selten mit ihnen.
Und genauso wenig darf jemand aus dem konservativen oder rechten Spektrum auftreten, der seine Position vernünftig erklärt. Ich meine ausdrücklich keine Neonazis oder gewaltbereiten Extremisten, sondern jemanden, der argumentieren kann. Ja, Clarissa: Es gibt auch Rechte, die weder dumpfe Parolen grölen noch Baseballschläger schwingen.
Der politische Gegner wird heute oft lieber karikiert als verstanden. Dabei entsteht Verständigung nicht dadurch, dass nur die eigene Blase applaudiert.
Aus meiner Sicht wird außerdem übersehen, dass Macht sich selten für Hautfarbe interessiert. Große Konzerne und wirtschaftliche Eliten profitieren vor allem von einer Gesellschaft, die sich gegenseitig bekämpft. Solange wir uns entlang politischer und kultureller Identitäten zerlegen, stellt kaum jemand die eigentlichen Machtverhältnisse infrage. In diesem Punkt trägt Danger Dan für mein Empfinden eher zur Spaltung bei, als Brücken zu bauen.
Natürlich gehört jeder Gewalttäter, unabhängig von Hautfarbe oder politischer Gesinnung, konsequent verfolgt. Das eigentliche Problem sind für mich aber nicht nur die wenigen, die Gewalt ausüben, sondern auch die vielen, die sklavenähnliche Arbeitsbedingungen, Ausbeutung und Ungerechtigkeit stillschweigend akzeptieren und mit ihrem Konsumverhalten täglich stabilisieren.