Auf dem zweiten Auge blind?
Wirklich: Jede*r und seine Mutter hat inzwischen den Song gehört und eine Meinung dazu, zum Beispiel Kabarettist Florian Schroeder. Den schätze ich eigentlich sehr, aber hier ...
... geh' ich nicht mit, und auch nicht mit der Lesart der ZDF-Intendanz. Ich seh' in Danger Dans Songtext auch nach inzwischem x-maligen Hören keinen Aufruf zu Gewalt, sondern eine Vorbereitung zur Notwehr.
Rechtsradikale rüsten auf. Das ist keine Panikmache. Wer sich in antifaschistischen Kreisen bewegt, weiß das schon lange, und inzwischen lernen das auch Leute, die lediglich finden, dass Demokratie und das Grundgesetz eigentlich ganz geil sind. Rechte unterwandern gewachsene Strukturen, sie sitzen in Parlamenten, vergiften das Klima, sie pöbeln um sich, im Netz wie auf der Straße, sie stören Veranstaltungen, führen Todeslisten, sie bedrohen, schüchtern ein, schlagen zu, viele sind bewaffnet.
Pazifismus und Vertrauen auf Gott, die Polizei oder die Justiz sind gut. Man möchte, soll, man MUSS darauf vertrauen. Die Frage ist, ob dir das allein viel hilft, wenn der Fascho-Mob vor deiner Party aufmarschiert. Oder vor deinem Haus. Sich vorzubereiten, für eine solche Situation einen Plan zu haben, kann doch wohl nicht kriminell sein. Es wäre Irrsinn, es nicht zu tun.
Aber was weiß ich schon? Ich habe gerade erst von Dr. Pop gelernt, dass die meisten Debatten, die wir und andere in den letzten Tagen über Danger Dan und "Keine Angst" geführt haben, an sich schon gegen geltendes Recht verstoßen - weil es kaum je um die Musik ging, immer nur um den Text. Das ist nicht erlaubt:
Seht ihr? Wieder was gelernt.
Fürs Protokoll möchte ich noch anmerken, dass ich Danger Dan noch nicht einmal besonders feiere, und der ganze Aufstand jetzt wahrscheinlich Wasser auf die Mühlen seines Selbstverständnisses als Speerspitze des revolutionären Untergrunds ist. Ich sag' nur: Linksradikalen-Cosplay. Ich finde seinen Song musikalisch hart uninteressant und sein Klavierspiel auch nicht halb so virtuos wie seine Fans immer tun.
Trotzdem: Inhaltlich halte ich diesen Song angesichts der Realität, in der wir leben, für absolut angemessen. Die Entscheidung des ZDF, solches als Aufruf zur Gewalt zu brandmarken, dem man keine Bühne geben dürfe, sendet ein fatales Signal. In Zeiten, in denen zugleich in gefühlt jedem Talk-Format rechte Hetzer*innen hocken und ihren menschenverachtenden Müll fakten-un-gecheckt in den Äther blubbern dürfen, weil man ja "Neutralität wahren" und "ausgewogen berichterstatten" müsse, zensieren sie ausgerechnet einen linken Liedermacher? Armselig. Offenbar sieht man mit dem Zweiten auch nur in eine Richtung besser.
1 Kommentar
DANKE! Als jemand, der Danger Dan ablehnt, geht mir am meisten auf den Keks, wie sehr mir die "Kritiker" auf den Keks gehen. Sie bleiben komplett stehen bei "alles doof/sinnlos/gefährlich, was DD da vorschlägt" - ohne auch nur den Hauch der Möglichkeit zu zeigen, dass oder wie man denn besser konkret und aktiv etwas gegen Faschisten unternimmt. Sie vehalten sich idR. 1:1 wie der durchschnittliche konservativ-deutsche Spießbürger, der das eigene Nicht-Involvieren als alternativlos erklären möchte.
Ja, klar, Albrecht - dein Take, der Danger Dan so richtig durch den Fleischwolf dreht, wird den deutschen Faschismus sicherlich aufhalten können...